Berlinale 2016 – Ethan und Joel Coen lassen die Matrosen auf den Tischen tanzen

Kaum steigt die Zahl der gemeldeten Grippefälle im Jahr, beginnen in Berlin die Internationalen Filmfestspiele. Tausende Menschen kommen zehn Tage auf engstem Raum zusammen und setzen ihr Immunsystem einem Härtetest aus. Um den Körper zusätzlich herauszufordern, werden Flüssigkeit, viaminreiche Kost, Tageslicht und Schlaf entzogen. Die große Stardichte am ersten Festivaltag sorgt dafür, dass die Pressevertreter besonders zahlreich und eng zusammenrücken. Traditionell beginnt das große Kuscheln bei der Pressekonferenz der Wettbewerbs-Jury.

Die siebenköpfige Internationale Jury unter der Leitung von Oscar-Preisträgerin Meryl Streep wird in den kommenden zehn Tagen 18 Filme sehen, darunter das 485 Minuten lange philippinische Schwarz-Weiß–Historiendrama Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) von Lav Diaz. Unter den Kollegen ist der längste Wettbewerbsfilm in der Geschichte der Berlinale bereits jetzt ein sicherer Kandidat für einen Bären. Streep zur Seite sitzen der deutsche Schauspieler Lars Eidinger (Was bleibt), der britische Filmkritiker, Autor und Kurator Nick James, die französische Fotografin Brigitte Lacombe, der Schauspieler Clive Owen, die italienische Schauspielerin Alba Rohrwacher (Sworn Virgin) und die polnische Regisseurin Ma?gorzata Szumowska (Das bessere Leben, Im Namen des…), die im vergangenen Jahr für ihren Film Body mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Matrosen, wollt ihr ewig tanzen?

Die Brüder Ethan und Joel Coen dürfen nach True Grit 2011 mit „Hail, Caesar!“ erneut die Internationalen Filmfestspiele in Berlin eröffnen. Während 2011 das eine oder andere Körperteil geopfert wurde, hat man sich zum Start der 66. Berlinale für eine Komödie entschieden. 

Eddie Mannix (Josh Brolin) ist Problemlöser, Mann für’s Grobe und Feine eines großen Hollywood-Studios in den 50er Jahren. Die Traumfabrik boomt, da wird gesungen und gesteppt – Channing Tatum tanzt sich im knappen Matrosenanzug durch eine Nummernrevue. Aqua-Musicalstar DeeAnna Moran (Scarlett Johansson als herrlich ordinäre Badenixe) braucht einen Vater für ihr uneheliches Kind – kein Problem für den tiefgläubigen Mannix, der, wenn er sich wieder einmal nicht an das Rauchverbot der Gattin gehalten hat, alle 24 Stunden zur Beichte eilt. Der limitierte aber charmante Western-Jungstar Hobie Doyle (Alden Ehrenreich – selten wurde weißes Rauschen im Kopf so gewinnend gespielt) soll nach artistischen Einlagen hoch zu Ross und mit dem Lasso auf Wunsch des Studio-Bosses das Genre wechseln. Mannix überzeugt den distinguierten Briten Laurence Laurentz (Ralph Fiennes), sich sehr ernsthaft um den Cowboy zu bemühen.

#berlinale #hailcaesar Ein von Julie (@fraujulie) gepostetes Foto am

Als ihm sein Star Baird Whitlock (George Clooney als eitler Geck mit Schmalzlocken, Römersandalen und Kurzschwert) kurz vor der Fertigstellung eines Historien-Schinkens über das Leben Jesu abhanden kommt, wird die Situation kompliziert. „Die Zukunft“, eine Gruppe salon-kommunistischer Drehbuchautoren, will das System von innen aushöhlen. Bis es soweit ist, gibt man sich für die große Sache auch mit Lösegeld für den öligen Selbstdarsteller, Säufer und Weiberhelden Whitlock zufrieden. Erhält Mannix seinen Star im Ganzen zurück und wem gehört das Haus am Meer?

„Hail, Caesar!“ ist bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzt. Die „Highlander“ Christopher Lambert und Clancy Brown sind ebenso mit Gastrollen vertreten wie Alex Karpovsky („Girls“) und Frances McDormand („Fargo“). Eine Nummernrevue – Szenenapplaus wäre immer wieder angemessen – lose von der Entführungsgeschichte zusammengehalten, die sich vor allen Genres verneigt und den beteiligten Darstellern sichtlich Vergnügen bereitet. So darf Tilda Swinton in einer Doppelrolle als verkniffene Klatschreporterin glänzen. Der knallbunte Spaß ist eine detailverliebte Hommage an das amerikanische Kino der 50er Jahre und läuft im Wettbewerb der 66. Berlinale außer Konkurrenz.

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