Berlinale 2020 – Sex, Folter und Langeweile

„Berlin Alexanderplatz“ als bildgewaltiges 3-Stunden-Epos, Javier Bardem erinnert sich nicht und viel Lärm um das öde russische Skandalprojekt „Dau: Natasha“.

Berlin Alexanderplatz von Burhan Qurbani © Stephanie Kulbach/2019 Sommerhaus/eOne Germany

Der einarmige Bandit

Sein Überleben ist nur eine Gnadenfrist, Berlin wird ihn zerbrechen.  Regisseur Burana Qurbani verlegt die Handlung von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus der Zeit der Weimarer Republik in das Berlin von heute. Aus dem Lohnarbeiter Franz Biberkopf, der sich nach seiner Haftentlassung eine neue Existenz aufbauen möchte, wird Francis (Welket Bungué). Nachdem er die Flucht aus Westafrika überlebt hat, will er trotz der Schikanen der deutschen Bürokratie ein geregeltes und anständiges Leben führen. Dreimal wird er straucheln – und fallen. Drogendealen in der Hasenheide will Francis nicht, dem schlechten Einfluss seines kaputten Kumpels und Gönners Reinhold (unheimlich und großartig gespielt von Albrecht Schuch) kann er sich auf Dauer aber nicht entziehen.

Francis ist stolz und überheblich. Das schnelle Geld lockt ihn. Überwältigt von den Verheißungen der Großstadt, glaubt er, mit den bösen Jungs zocken zu können. Reinhold ist die Schlange und der Teufel, Verführer und schleimiger Charakter. Er macht Francis zu Franz, lässt ihn zum Menschen werden und pflanzt sein tödliches Gift in ihn ein. Reinhold kann nicht ertragen, dass Francis mit Escort-Girl Mieze (Jella Haase) die Liebe erlebt.

Burana Qurbani inszeniert den Glückstaumel und das böse Erwachen danach in großen pulsierenden Bildern. Ein 183-minütiger bärenwürdiger Kraftakt, der herausfordert, zermürbt und sich an der poetischen Schwermut der deutschen Sprache berauscht.

Mann ohne Worte

Leo (Javier Bardem) kommt die Welt abhanden. Der Schriftsteller hat keine Worte mehr. Was ihm in seiner geistigen Zerrüttung bleibt, sind die Erinnerungen – die letzten Schreibversuche auf einer Insel, der Abschied vom toten Sohn. Tochter Molly (Elle Fanning) bemüht sich in Sally Potters „The Roads Not Taken” rührend um den Mann, der sie als Kind verlassen hat. Ein kleines Kammerspiel, das von dem um letzte Worte ringenden Bardem und Fanning zwischen Aufopferung und der Suche nach Selbstbestimmung getragen wird.

Penetration, Suff und echte Folterknechte

Was war im Vorfeld nicht alles über das gigantomanische „DAU“-Projekt kolportiert worden. Ursprünglich sollte „DAU“ vom Leben des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lew Dawidowitsch Landau und in der Stalin-Zeit handeln. Daraus geworden ist ein Jahre andauerndes Mammutprojekt, die möglichst authentische Simulation eines totalitären Foltersystems und eines der umstrittensten Filmprojekte Russlands. Die Vorarbeiten zu dem Film begannen bereits 2005, die Dreharbeiten starteten 2008. Mit dabei: die deutsche Kameralegende Jürgen Jürges (Angst essen Seele auf, In weiter Ferne, so nah). Gedreht wurde weitgehend ohne Drehbuch und mit bis zu 400 Laiendarstellern.

DAU. Natasha von Ilya Khrzhanovskiy, Jekaterina Oertel © Phenomen Film

In den drei Jahre dauernden Dreharbeiten entstanden mehr als 700 Stunden Filmmaterial. Daraus geschnitten wurden bisher 13 Spielfilme und einige TV-Serien. Alles soll nach dem Willen von Regisseur Ilya Khrzhanovskiy echt sein – Sex, Gewalt, Folter, Erniedrigung. Ein ehemaliger KGB-Folterer legt an Natasha Hand an. In Russland ist „Dau: Natasha“ bereits vor Filmstart wegen Pornografie verboten.

Gesehen haben die 145 Filmminuten im Vorfeld nur wenige, um so größer war die Aufregung vor der ersten Pressevorführung des Wettbewerbsbeitrags „Dau: Natasha“.

Kaum Drehbuch und Konzeptionslosigkeit sorgen dann nicht für den prophezeiten Skandal, sondern für lähmende Langeweile. Nervendes Highlight über weite Strecken: das dümmliche Gelächter von Olga und das ätzende Dauergezeter besoffener Weiber. Geschlechtsverkehr und das vaginale Einführen einer Glasflasche zum Zwecke der Demoralisierung Natashas im Verhör heben da keinen mehr aus dem Kinosessel.

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