Lieferschwierigkeiten

Er hatte gerade, wie jedes Jahr um diese Zeit, die vorweihnachtliche Hirnkontrolle hinter sich gebracht und freute sich auf das eine oder andere Feierabendbier allein in seiner Wohnung mit dem unverbauten Blick auf das stillgelegte Atomkraftwerk am Rande der Stadt. Mit Überlichtgeschwindigkeit näherte er sich der letzten Wissenschaftsschranke vor der Siedlung für ehemalige Werksangehörige und deren Freunde, als er ein Licht am Horizont sah.

Seit der letzten Datenschutzreform war die Videoüberwachung des Abschnitts ein wenig außer Kontrolle geraten. Das Flackern jenseits der Schnellstraße konnte nur von einer der zahlreichen pyrotechnischen Mahnwachen stammen, die in diesen Tagen wie Pilze aus dem Boden schossen. Vollkommen wahnsinnige Geheimniskrämer, die ihre Gesichter nicht jeden Tag in den 22.30 Uhr Nachrichten sehen wollten. Schon bei dem Gedanken an diese Öko-Spinner überkam ihn eine leichte Übelkeit und er spuckte vor sich auf den rissigen Asphalt.

Seine Wohnung war finster und muffig wie er es mochte. Die Fenster ließen sich seit Jahren aus Sicherheitsgründen nicht mehr öffnen und der Einbau eine Klimaanlage war nie in die Tat umgesetzt worden. In der Küche züchtete er Champignons und Zauberpilze. Gerade als er den Kühlschrank öffnen wollte, klopfte es an die Tür. „Halloho und ho-ho-ho mein lieber Freund, ich weiß, dass du da bist, öffne nur rasch die Tür, sonst komme ich auch so herein“ rief es von draußen zu ihm hinein. Irgendetwas musste bei der Hirnkontrolle verdammt falsch gelaufen sein.

Im trüben Dämmerlicht des Flures hüpfte ein androgyner Weihnachtself von einem Bein auf das andere. Rote Prada-Slipper an den Füßen, Hose aus butterweichem Lammnappa, tannengrüner Samtblazer mit Schneesternapplikation aus Swarovski-Kristallen. „Zauberhaft, dass wir das friedlich lösen können. Ich gehe so ungern durch geschlossene Türen. Eine Frage, dann bist du mich auch gleich wieder los. Mein Schlitten ist leider abgestürzt und macht absolut keinen Mucks mehr. Ich habe zwei linke Hände UND absolut keine Ahnung von Technik, ob du vielleicht mal ganz kurz einen Blick unter die Motorhaube …?“ Mit der Werkzeugkiste unterm Arm war er bereits auf dem Weg zum Schlitten, der qualmend hinter dem Haus stand. Je schneller das Ding wieder lief, umso früher kam er zu seinem Bier. Und sein Durst war groß.

Der Motor des Schlittens war nicht mehr zu retten.

„Zauberhaft, mein Lieber, dass du deinen Feierabend für mich opferst und die Geschenke auslieferst. Da hast du dir dann aber auch ein ganz, ganz dickes Danke verdient. Zauberhaft.“  Den Rest der Nacht schleppte er Pakete, der Elf blieb im Wagen. Gegen Morgen, die letzte Spielekonsole war in die 12. Etage eines Wohnblocks ohne Fahrstuhl getragen worden, machte sich das ungleiche Paar auf den Rückweg zu seiner Wohnung. Das Frühstück aus Käse-Pilz-Omelett und Dosenbier wurde brüderlich geteilt. Der Schlitten wurde nie abgeholt.

Datenschutzreform, Videoüberwachung, Wissenschaftsschranke, Überlichtgeschwindigkeit und Hirnkontrolle für Frank Meier

Und so geht’s: Alle Jahre wieder werden wir am Ende eines Jahres von Weihnachten überrascht. Um die Vorfreude auf Kind, Krippe und Geschenke ins schier Unermessliche zu steigern, werden hier Träume wahr. Ihr spendiert fünf Begriffe in den Kommentaren unterhalb dieses Beitrags, daraus entsteht vielleicht ein rauschgoldengelhafter Blog-Text inkl. Widmung zur Vorweihnachtszeit. Die Auswahl der jeweiligen Begriffs-Serie erfolgt streng subjektiv. Der Rechtsweg ist absolut ausgeschlossen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.