Menschen in der Stadt und der Krieg im Kopf

Dänemark zwischen Postkartenidylle und Krieg – das DOK-Festival Leipzig zeigt „Dreams in Copenhagen“ von Max Kestner und „Armadillo“, den preisgekrönten Dokumentarfilm von Janus Metz über den Afghanistan-Einsatz dänischer Soldaten, im internationalen Programm. Am Mittwoch war der Film nur halb zu sehn.

Die gute Nachricht zuerst: Janus Metz, Regisseur der preisgekrönten dänischen Dokumentation „Armadillo“, kommt nach Leipzig zum DOK Festival und wird bei den beiden verbleibenden Vorführungen des Films am Donnerstag um 20 Uhr in der Schaubühne Lindenfels und am Samstag um 22.15 Uhr in der Cinémathèque Leipzig anwesend sein und für Fragen zur Verfügung stehen. Der Versuch sich den Film am Mittwoch im Cinestar anzusehen, scheiterte an einem Feueralarm. Nach einer Stunde wurde das Publikum aufgefordert, das Kino zu verlassen. Der Hinweis, dass dabei Ruhe zu bewahren sei, wirkte dabei fast kontraproduktiv. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Das internationale Programm des DOK Leipzig stand am Mittwoch im Zeichen des dänischen Dokumentarfilms. Max Kestners „Dreams in Copenhagen“ nimmt uns mit auf eine filmische Reise durch die dänische Hauptstadt. Menschen in der Stadt, in ihren Häusern, auf der Straße, hinter Fenstern, in öffentlichen und privaten Räumen. Wohnraum ist knapp und teuer in Kopenhagen. Die Bewohner der Stadt müssen sich damit arrangieren, ihr Leben im urbanen Spannungsfeld täglich neu erobern. Ihre Träume werden zum Motor ihrer Bewegung durch die Stadt. Lebenslinien kreuzen sich für einen Moment bevor sie wieder auseinander driften.

Max Kestner ist eine filmische Ode an seine Stadt, ihre Menschen und die Wohn- und Lebenswelten, in denen sie sich bewegen, gelungen. Ein Film für Architekten, Stadtplaner und Fans der dänischen Metropole.

Kein Platz für Helden

"Armadillo" von Janus Metz (c) DOK Leipzig

"Armadillo" von Janus Metz (c) DOK Leipzig

Mads und Daniel sind in ihrem ersten Afghanistan Einsatz. Gesichter wie kleine Jungs, die Akne kaum verheilt, gehen sie Krieg spielen. Ihre Einheit ist im Camp Armadillo, nahe der Frontlinie von Helmand stationiert. Die eigentliche Mission der Einheit, die afghanische Bevölkerung beim Wiederaufbau zu unterstützen, gerät durch fortwährende Kämpfe gegen die Taliban mehr und mehr in den Hintergrund. Die Interessen beider Gruppen sind zu unterschiedlich. Die Bemühungen der Dänen mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen wirken hilflos. Beim nächsten Einsatz trampelt die Truppe wieder durch die frisch bestellten Felder der Bauern. Angst, Misstrauen und zunehmende Paranoia bestimmen den Alltag. Sechs Monate war der dänische Filmemacher Janus Metz mit seinem Team im Camp „Armadillo“ und zerstörte mit seinem Film in Dänemark die Illusion vom gerechten Krieg, von Helden in Uniform.

Trailer (dänisch, engl. Untertitel)

Der Film verdrängte, nachdem er im Sommer 2010 in den dänischen Kinos angelaufen war,  „Prince of Persia“ von der Spitze der Kino-Charts. Die Nation war geschockt von der Brutalität der Bilder, von der Verrohung der jungen Männer, die in einen vermeintlich gerechten Krieg und humanitären Einsatz geschickt worden waren. Die traditionell patriotische Nation sah sich mit den schmutzigen Details der Auseinandersetzung am Hindukusch konfrontiert. Männer, die ausgezogen waren Helden einer Friedensmission zum Wohle der afghanischen Bevölkerung zu werden, handelten wie Tiere – ohne Mitleid, ohne Erbarmen, ohne Respekt. Janus Metz hat kein Interesse daran, die jungen Soldaten bloß zu stellen oder den moralischen Zeigefinger über sie zu erheben. Er zeigt, wie es Heddy Honigmann in der Dokumentation “Crazy” aus dem Jahr 1999 schon einmal eindrucksvoll gelungen ist, was der Krieg aus Menschen macht – keine Helden.

In Cannes mit dem Grand Prix Semaine de la Critique ausgezeichnet, war „Armadillo“ am Mittwoch, wegen des oben beschriebenen Feueralarms, nur ca. bis zur Hälfte zu sehen – Kraft und Schrecken der Bilder hatte das Publikum zu diesem Zeitpunkt schon erreicht.

„Dreams in Copenhagen“ wird noch einmal am Samstag, 23.10.2010, 13.30 Uhr im Universum in den Passage Kinos gezeigt. „Armadillo“ läuft am Donnerstag, 21.10.2010, 20 Uhr in der Schaubühne Lindenfels und am Samstag, 23.10.2010, 22.15 Uhr in der Cinémathèque Leipzig, bei beiden Vorstellung ist Filmemacher Janus Metz anwesend und steht für Fragen zur Verfügung. Aufgrund des Feueralarms im CineStar wird der Film „Armadillo“ am Samstag, den 23.10.2010 um 11:00 Uhr im CineStar Kino 8 wiederholt. Die Karten der gestrigen Vorstellung behalten ihre Gültigkeit.

Das 53. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm findet noch bis zum 24. Oktober statt. Alle Informationen zum Festival und Trailer zu ausgewählten Filmen gibt es hier.

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