Apokalypse, Schützenkönige, ein Mord und ein Verdacht

"Apokalypse" von Herbert Fritsch (c) DOK LeipzigKindermund tut Wahrheit kund – über 100 Kinder brüllen das Ende aller Zeiten in die Welt, Männer in Uniform wollen das christliche Abendland retten, ein 20 Jahre zurückliegender Mordfall und ein finnischer Politiker unter Verdacht. Das DOK-Festival Leipzig begibt sich in die Untiefen der menschlichen Existenz, wir gehen mit.

Wie, liebe Freunde von Zahnfehlstellungen ist es eigentlich um den kieferorthopädischen Nachwuchs in unserem schönen Land bestellt? Nach dem gestrigen Tag auf dem DOK-Festival Leipzig kann mit absoluter Gewissheit festgehalten werden, dass es sich dabei um ein für Jahrzehnte krisensicheres Gewerbe handelt. Wer sich vor einer eventuellen Umschulung Gewissheit verschaffen möchte, sollte sich den Kurzfilm „Apokalypse“ von Herbert Fritsch ansehen.

Im Rahmen des Ruhr.2010 Kulturhauptstadtprojektes Local Heroes und im Auftrag der Kurzfilmtage Oberhausen ließ der Schauspieler, Regisseur und Medienkünstler Herbert Fritsch über 100 Kinder die Offenbarung des Johannes in eine Kamera brüllen. Ergebnis des Projekts ist der 21-minütige Kurzfilm „Apokalypse“, der im internationalen Programm des DOK Leipzig zu sehen ist.

Wer sich schon immer vor Kindern gefürchtet hat, wird nach diesem Film viele angsterfüllte schlaflose Nächte verbringen oder (alternativ) schweißgebadet aus einem unruhigen Schlaf aufschrecken. Im Traum sind fahle Kinder, die sich an den Händen halten, ans Bett getreten. Mit irrem Blick und wirrem Haar haben sie zu euch gesprochen: „Und ich sah, und siehe, mitten zwischen dem Stuhl und den vier Tieren und zwischen den Ältesten stand ein Lamm, wie wenn es erwürgt wäre …“ . Nach diesem hervorragenden Film sollte auch der letzte Ungläubige bekehrt sein, wohl wissend, das Ende aller Zeiten ist nah.

God’s Army – Die letzte Schlacht

"Glaube Sitte Heimat" von Jürgen Ellinghaus (c) DOK Leipzig

"Glaube Sitte Heimat" von Jürgen Ellinghaus (c) DOK Leipzig

Ganz anders, aber nicht weniger unheimlich: Der Filmemacher Jürgen Ellinghaus widmet seinen Film „Glaube Sitte Heimat“ einem ganz eigenen Menschenschlag: den Schützen in Ostwestfalen. Männer in Uniformen, Schützenköniginnen in Prinzesinnenkleidern, Jesus und das Kreuz. Ein Kostümfilm über das vermeintlich starke Geschlecht und Frauen mit Frisuren und Kleidern, die schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht ganz auf der Höhe der Zeit gewesen wären.

Was es nicht alles gibt, im Land der Dichter und Denker. Ritualisierte Besäufnisse mit langer christlich historischer Tradition – die einen nennen es Wiesn, die anderen Wasen und ganz andere sagen einfach Schützenfest. Mit Gott an ihrer Seite und der Waffe im Arm treffen sich Menschen zum gemütlichen Beisammensein mit Gottesdienst. Anschließend schießen sie den Vogel ab. Hier darf ein Mann noch König sein, wenn auch nur für zwei Jahre. Eine Tradition, die man wenigstens als krude bezeichnen darf, aber Menschen organisieren sich auch im Zentralverband Naturdarm e.V. oder sammeln Töpferwaren in Kuhform mit Euter.

Die Motivation des Films bleibt unklar, auch wenn Filmemacher Ellinghaus seinen Beitrag, der im Deutschen Wettbewerb des DOK Leipzig gezeigt wird, als kritische Auseinandersetzung verstanden wissen will. Sollte das die Intention des Films sein, dann ist er nicht gelungen. Als Beschreibung einer volkstümelnden Tradition mag er aber durchgehen.

„Apokalypse“ von Herbert Fritsch und „Glaube Sitte Heimat“ von Jürgen Ellinghaus werden am Sonntag, 24.10.2010 um 14 Uhr in der Cinémathèque Leipzig noch einmal gezeigt.

"Alibi" von Caroline Campbell und Darren Bolger (c) DOK Leipzig

"Alibi" von Caroline Campbell und Darren Bolger (c) DOK Leipzig

Es ist Winter, als in einer kleinen irischen Stadt ein Mädchen ermordet wird. Alle Bemühungen der Polizei, den Mörder zu finden, bleiben ohne Erfolg. 20 Jahre später wird der Fall erneut aufgerollt und ein Täter ermittelt. Die irischen Filmemacher Caroline Campbell und Darren Bolger begeben sich in ihrem Kurzfilm „Alibi“ auf Spurensuche. Die Umsetzung des Stoffes zeigt, dass Film mehr ist als Geschichte, artifiziell anmutende Bilder und Sprecher aus dem Off. Aber 13 Minuten vergehen schnell.

Der finnische Filmemacher Pekka Lehto rekonstruiert mit „In the Shadow of Doubt“ den Fall des finnischen Politikers Alpo Russi, der des Hochverrats und der Zusammenarbeit mit der Stasi und dem KGB angeklagt wurde und in den Mühlen des finnischen Geheimdienstes fasst zerrieben worden wäre. In einem Artikel aus dem Jahr 2003 setzte sich Die Zeit detailliert mit dem Fall Alpo Russi auseinander. Pekka Lehto tut gut daran, weitgehend auf dramaturgische Spielereien zu verzichten und sich alleine auf die schier unglaubliche Geschichte und die Rekonstruktion der damaligen Ereignisse zu verlassen. Dadurch entsteht eine konventionelle aber nicht minder spannende Dokumentation.

"In the Shadow of Doubt" von Pekka Lehto

"In the Shadow of Doubt" von Pekka Lehto

„Alibi“ von Caroline Campbell und Darren Bolger und „In the Shadow of Doubt“ von Pekka Lehto sind am Samstag, 23.10.2010 um 17 Uhr in der Schaubühne Lindenfels im Rahmen des DOK Leipzig noch einmal zu sehn.

Das 53. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm findet noch bis zum 24. Oktober statt. Alle Informationen zum Festival und Trailer zu ausgewählten Filmen gibt es hier.

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