Geld oder Leben

Fleißbienchen für akribische Recherchearbeit und der Alltag in einer postindustriellen Gesellschaft – Das DOK-Festival Leipzig zeigt mit „Michael Berger – Eine Hysterie“ und „The Art of Being Human“ im internationalen Programm zwei Filme über Sein und Schein, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Michael Berger - Eine Hysterie (c) DOK Leipzig

Michael Berger - Eine Hysterie (c) DOK Leipzig

Wertpapierbetrug, Bilanzfälschung, Flucht – Investmentbanker Michael Berger war mit Mitte 20 auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mit Mitte 30 ist nichts mehr davon übrig.

Er war auf der Liste der meist gesuchten Verbrecher des FBI. Er wurde neben Arnold Schwarzenegger zum erfolgreichsten Auslandsösterreicher gewählt, seine Marktprognosen waren düster, das Auto groß, der deutsche Schäferhund gut trainiert und in seinem New Yorker Appartement hielt er sich einen Hai, den er mit kleinen Fischen fütterte. Eine Stimme aus dem Off verliest Lebensdaten, Zahlen, Vorlieben beim Essen, exzentrische Hobbys. Die Kamera fängt dazu Häuser, Straßen und Räume ein, durch die Michael Berger vielleicht gefahren oder gelaufen ist, vielleicht aber auch nicht. Eine Geschichte zwischen piefiger Normalität und Größenwahn.

Der österreichische Filmemacher Thomas Fürhapter zeigt in seinem Dokumentarfilm „Michael Berger – Eine Hysterie“ Bilder von Orten – der Mann selbst bleibt ein Phantom. Michael Berger hat sich verzockt. Am Ende scheitert die Anklageerhebung an zu wenig Zeit.

Wenn Filmemacher für ihre Recherchearbeit Fleißbienchen erwarten und in das gewählte Stilmittel so verliebt sind, dass es zum eigentlichen Selbstzweck des Films zu werden scheint, dann sollte das Werk ein gewisses Zeitlimit nicht überschreiten. Fürhapter ist das mit 50 Minuten gelungen.

Zeit zu Leben, Zeit zu sterben

The Art of Being Human (c) DOK Leipzig

The Art of Being Human (c) DOK Leipzig

Was macht uns zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft? Wie viel Anpassungsleistung ist erforderlich, damit wir nicht ständig unangenehm auffallen? Was, wenn die Regeln, die uns auferlegt sind, für uns zu eng werden? Wenn wir den bisherigen Lebensfaden nicht mehr weiterspinnen können, wenn innere oder äußere Umstände uns auf uns selbst zurückwerfen? Was, wenn wir nicht mehr funktionieren? Wenn der Körper oder der Geist kapituliert?

Die schwedische Filmemacherin Helene Granqvist liefert mit ihrem Film „The Art of Being Human“ einen unprätentiös grandiosen Film ab. Eine Tragikomödie über das Menschsein in Zeiten ständiger Eile und Überforderung. 59 Minuten gewährt Granqvist uns mit ihren Protagonisten, die sie direkt und mit offenem Blick begleitet, Einblick in ein kleines Stück menschliches Leben. Viele Leben, Geschichten und Gesichter verweben sich zu einem großen Kosmos des menschlichen Universums.

Gefangen in Warteschleifen, Menschen auf Hundeübungsplätzen, Hunde, die für einen Wettbewerb schön gemacht werden. Erfolgreich im Job, liebevolle Mutter, bezaubernde Ehefrau, bester Freund, perfekter Mensch, immer auf dem Sprung – Alltag, Leben, das kennt man. Regeln die zur freudlosen Lastwerden, Krebs und Burn Out- einige der Protagonisten in „The Art of Being Human“ müssen ihrem Leben eine neue Richtung geben.

Dokumentarfilme sind Produktionen für ein Nischenpublikum – wer „The Art of Being Human“ gesehen hat weiß, dass es dafür keinen Grund gibt.

„Michael Berger – Eine Hysterie“ und „The Art of Being Human“ werden zusammen noch einmal am Freitag, 22.10.2010, um 16.30 Uhr im Universum in den Passage Kinos gezeigt.

Das 53. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm findet noch bis zum 24. Oktober statt. Bilder, Film-Trailer und alle Informationen zum Festival gibt’s hier.

Einige Gedanken zu “Geld oder Leben

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