Et hätt noch immer jot jejange

Der Mensch hat sehr wenig unter Kontrolle, meistens nicht einmal sich selbst. Trotzdem hat er es im Laufe der Evolution erstaunlich weit gebracht. Demut ist seine Sache nicht – eine Tatsache die ihm in einigen Kulturkreisen, dank günstiger politischer und wirtschaftlicher Bedingungen, ein zentral beheiztes und an die Kanalisation angebundenes Eigenheim in verkehrsgünstiger Lage ermöglicht. Satt, sauber und sicher von der Wiege bis zur Bahre, es könnte alles so schön sein. Am Himmel kreisen gebratene Enten und zur guten Nacht rezitieren wir im Chor „Wanderers Nachtlied“.

Die Natur mutet uns, die wir keine anderen Götter neben uns kennen, grausam an. Sie erträgt die Krone der Schöpfung mit stoischer Gleichmut wie ein lästiges Insekt. Wir wissen um Gefahren und Risiken und entwickeln Frühwarnsysteme, Notstromaggregate und Katastrophenschutznotfallübungspläne und staunen, wenn all dies der Realität nicht standhält. Bei Emmerich im Kino hat’s am Ende doch auch immer noch geklappt. Et hätt noch immer jot jejange, Freunde, und wenn doch nicht, dann lasst uns darüber reden.

Das Prinzip Psychoanalyse legt uns auf die heimische Couch. Es sprechen zu uns: Nuklearmediziner, Katastrophenforscher, Katastrophenschützer, Atomphysiker, Physiker, Chemiker, Sicherheitsexperten, Wissenschaftsredakteure, Ingenieure, Politiker, Vorstandsvorsitzende von Energieversorgungskonzernen, Umweltexperten. Hilft das? Ein wenig. Geigerzähler sind ausverkauft, Jod-Tabletten finden reißenden Absatz. Das medizinische Briefing übernehmen examinierte Familienmitglieder, wofür hat man das Kind schließlich studieren lassen.

Alle, die 1986 bei der Katastrophe von Tschernobyl noch zu jung waren, lernen jetzt in einem Crash-Kurs, was Begriffe wie Super-GAU und Kernschmelze bedeuten. In den seligen 80er Jahren durften wir uns den Dreck aus der Buddelkiste nicht mehr in den Mund schieben – früher war doch irgendwie alles besser. Klare Anweisungen, einfache Lösungen. Die Lage ist außer Kontrolle, außer Kontrolle und die Steigerung davon. Gebannt verharren wir vor Breaking News, studieren Wolken- und Ströungsfilme und sehen die immer gleichen Fernsehbilder – die Welt rückt näher, das Nicht-begreifen-können bleibt. Wir befinden uns in einem dreimonatigen Moratorium, im Anschluss daran ist alles wieder gut und kann so weitergehen wie bisher.

Wären wir doch wie die Kinder – was wir nicht sehen können, darf auch nicht sein.

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