DOK Leipzig 2018 – Radikale Biografien und verblühende Landschaften – Filmvorschau Teil 1

Foto: „Exit“ von Karen Winther

Das Leben nach dem radikalen Hass

Warum schließen sich Menschen radikalen Gruppen an? Als 16-jährige wird Filmemacherin Karen Winther Teil der rechtsradikalen Szene Norwegens. Der Reiz des Verbotenen, die Gewalt, das Außenseitertum ziehen sie magisch an. Ein Neonazi-Konzert 1995 im niedersächsischen Northeim wird für sie zum Schlüsselerlebnis der Szene den Rücken zuzukehren. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie den Absprung nicht geschafft hätte? 20 Jahre später stellt sie sich beschämt den eingelagerten Überresten und Devotionalien ihrer Neonazi-Jugend. Spricht mit Menschen, die sie bei ihrem Weg aus der Radikalität unterstützt haben.

Wie ist es anderen ehemalige rechten, linken und religiösen Extremisten gelungen, ihr Leben zu ändern, die Gruppen zu verlassen und sich kritisch mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen? Welchen Druck üben die ehemaligen Kameraden heute noch auf sie aus? Winther macht sich auf Spurensuche in Deutschland, Dänemark, den USA und Frankreich. Trifft unter anderem ehemalige rechte Szenegrößen wie Ingo Hasselbach und Manuel Bauer.

Was bleibt, wenn der Hass keinen Platz mehr im Leben hat? Eine Dokumentation über Gewalt, Scham und die Hoffnung auf eine zweite Chance. „Exit“ ist der Film der Stunde.

 

Exit von Karen Winther, Internationales Programm, Norwegen / Deutschland, Schweden 2018, 76 Minuten

Die letzten Bewohner von Doel

Zwischen Atomkraftwerk, Containerterminal und dem Hafen von Antwerpen liegt die kleine belgische Geisterstadt Doel. 20 Einwohner harren aller widrigen Bedingungen zum Trotz zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch in der zerstörten Gemeinde aus, die seit Jahrzenten einem weiteren Containerhafen weichen soll. Sechs von ihnen versucht der dänische Dokumentarfilmer Frederik Sølberg in „Doel“ ein kleines filmisches Denkmal zu setzen.

Cafés, Bäckereien, Metzger, Supermarkt – alles ist bereits seit Jahren geschlossen. Unbehaust und unbehaglich ist der statische Blick Sølbergs auf seine Protagonisten. Distanziert und ziellos mäandert die Kamera von Einstellung zu Einstellung. Wir beobachten eine humorlose Versuchsanordnung, nächtlichen Vandalismus und lauschen Gesprächen in Küchen und Gärten. Fackelzug vor Atomkraftwerk. Der Ort ist dem Untergang geweiht, der Filmemacher verweigert sich und uns eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen. Und dann ist es einfach vorbei. Doel hat sicher viele gute Geschichten zu erzählen, hoffentlich sammelt sie jemand ein, bevor es zu spät ist.

 

 

Doel von Frederik Sølberg, Internationales Programm, Dänemark / Belgien 2018, 67 Minuten

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