DOK Leipzig 2016: Finnlands schlechteste Cheerleader, harte Kerle und geschmeidiger Müßiggang – Filmtipps Teil 2

Körperliche Herausforderungen von lässiger Geschmeidigkeit über physische Belastungen unter widrigen Bedingungen bis zu tränenreichen Abstürzen aus luftiger Höhe stehen im Mittelpunkt von drei Filmen, die im Rahmen des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm vom 31. Oktober bis 6. November in der Messestadt gezeigt werden – die Filmtipps Teil 2.

Wer hoch springt, kann ganz schön auf die Schnauze fallen

Jubel, Trubel, Heiterkeit und freudiges Kreischen aus unzähligen Mädchenkehlen, über den Finaleinzug bei der nationalen Cheerleader-Meisterschaft in Finnland. Nur bei Patu, Aino und den anderen ‚Arctic Circle Spirit Ice Queens‘ mag keine rechte Freude aufkommen. Hier läuft der Glitzerlidschatten in tränenreichen Schlieren über die Gesichter. Während in anderen Teams begnadete Körper durch die Luft wirbeln, landet hier das eine oder andere Teammitglied dumpf auf dem Hallenboden. Wieder einmal haben die ‚Arctic Circle Spirit Ice Queens‘ aus Rovaniemi am Polarkreis ihrem Ruf als Finnlands schlechteste Cheerleader alle Ehre gemacht. Schon vor dem Auftritt steht den Mädchen und ihrer Trainerin die Angst ins Gesicht geschrieben. Nachdem das Ergebnis des Turniers bekannt gegeben worden ist, wissen wir: zu Recht!

Trainerin Miia kann sich das Elend nicht mehr ansehen und reist zu den Besten der Besten ins gelobte Land. Ein Trainer–Coaching bei der Weltspitze im texanischen Dallas soll aus ihren rustikalen Mädels schwerelose Elfen machen. Unter professionellen Trainingsbedingungen gibt es hier nur ein Motto: „Yes, we can!”. Alle ordnen sich dem Ziel des Cheftrainers unter: Alle Wettkämpfe müssen gewonnen werden! Schon Platz zwei wäre eine Niederlage. Miia, die Frau mit dem Schleifchen im dünnen blonden Haar, kann da nur staunen. Den Kopf voller neuer Ideen geht es zurück in die heimische Turnhalle. Nach dem letzten Platz gibt es für sie und die Mannschaft nur noch einen Weg: nach oben!

Miia hat die Rechnung ohne ihre pubertierenden Eisköniginnen gemacht. Patu ist gerade von zuhause ausgezogen und trauert im halb möblierten Zimmer um die vor drei Jahren verstorbene Mutter, während ihr Vater mit seiner neuen Freundin ein Baby erwartet. Ein Kind, das versucht, erwachsen zu sein. Aino hat ein Faible für die bösen Jungs aus der örtlichen Metal-Band. Das Training nimmt sie auf die leichte Schulter. Miia sanktioniert sie und droht ihr damit, sie aus dem Team zu werfen. Und Miia? Die Trainerin der ‚Arctic Circle Spirit Ice Queens‘ sucht die Liebe und findet Enttäuschungen. So vergehen Tage und Wochen – auf Trennungen folgen neue Verbindungen, das Training geht weiter. Nie verliert Christy Garland in ‚Cheer Up‘ den liebevollen Blick auf ihre wunderbaren Protagonistinnen. Mit ihren großen kämpferischen Herzen sorgen sie immer wieder für Überraschungen. Und dann kommt der nächste Wettkampf…

Fallen, Lidstrich nachziehen, weitermachen – absolut alles ist möglich und nicht immer passt das wirkliche Leben in einen straffen Trainingsplan. Kopf hoch!

Cheer Up von Christy Garland, Internationales Programm, Finnland/Kanada, 2016, 82 Minuten

Die geschmeidige Leichtigkeit des Seins

Gute Vibes, kein Stress, keine Sorgen um Geld oder Job – In ihrem ‚Mecca‘ auf Coney Island treffen sich Tom, Patrick, „Crazy“ Johnny und all die anderen auf die eine oder andere Partie American Handball. Das Wetter ist gut, Stimmung, Leute und die Laune sind es auch. Und selbst wenn das Wetter nicht so gut ist, einige Unermüdliche harren auch bei strömendem Regen aus. Alle sind entspannt  – warum sich mit einem schlechtbezahlten Hilfsjob den Tag versauen? Der ganze Alltagsscheiß hat hier keinen Platz – hier konzentriert man sich auf die guten Seiten des Lebens. Warum auch nicht? Und wer gerade nicht so gut drauf ist, den erinnert man daran. Einfach ein paar Bälle gegen die Wand schlagen und schon sieht die Welt ein bisschen besser aus.

Verrückte Vögel, Überlebenskünstler und Individualisten, jeder sucht sich hier seinen Platz im Spiel – Hauptsache kein Stress und keine negativen Schwingungen. ‚The Lives Of Mecca‘ von Stefano Etter ist die filmgewordene Therapiesitzung nach einem langen harten Tag. Eine Hymne auf die Gestrandeten, die vom Leben Gebeutelten, die Mühseligen und Beladenen, die sich ihren Lebensmut erhalten haben. Den Härten des Lebens wird hier immer noch ein Spiel abgetrotzt. Geschichte, Kamera und Sound von ‚The Lives Of Mecca‘ sind so cool und geschmeidig wie diese lässigen New Yorker Lebenskünstler auf den Handball-Plätzen von Coney Island. Reingehen und für die eine oder andere Partie einfach mittreiben lassen!

 

The Lives Of Mecca von Stefano Etter, Internationales Programm, Schweiz/Italien, 2015, 54 Minuten

Zieht euch warm an!

Auf Müßiggang und eine gute Partie unter Freunden folgen das Schweigen harter Kerle und Schwerstarbeit bei Nacht, Sturm und Eis. Bis zu 16 Stunden bei -20 bis -35 Grad verladen die Männer an den Docks von Reykjavik tiefgekühlte Fracht zum Weitertransport. Schnell und schweigsam wuchten die Männer die bis zu 50 kg schweren Kisten auf Paletten. Nach EU-Recht sind nur maximal 20 kg erlaubt. ‚Echte Kerle‘, die dafür sorgen müssen, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird. In ‚Keep Frozen‘ begleitet Hulda Rós Guðnadóttir die Arbeiter. Die Monotonie der Tätigkeit wird zur Herausforderung – ein Moment der Unaufmerksamkeit kann Gliedmaßen oder sogar das Leben kosten.

Wie reflektierende Ameisen bewegen sich die Männer in ihren Schneeanzügen zwischen Kränen, Containern und Frachthallen und entwickeln ihre ganz eigene Choreographie der Schwerstarbeit. Jeder zieht sich in sich selbst zurück und darf dabei den anderen nicht aus den Augen verlieren. Dennis Helm gleitet mit seiner Kamera über schweren Stahl und taghell ausgeleuchtete Industrieanlagen. Auge und Drehung der Kräne werden eins. Bedächtig gleitet der Blick vorbei an Wänden und verpackter Fracht. Als hätte man sie selbst gehoben und gelagert, fällt dem Zuschauer das Atmen unwillkürlich etwas schwerer. Nacht und Schneesturm scheinen endlos zu sein. Wohl dem, der im Kinosessel tiefer in seine warme Jacke sinken kann. Beharrlich, wie die Arbeit, bleibt der Film bei Mensch und Maschine.

Stürzt eine Palette ab, beginnt alles von vorn. Aus dem Off sprechen Männer über ihre Arbeit, die Kälte, das Leben, die nächste Doppelschicht und den Rückzug in sich selbst. Wir bleiben ihnen fern, um den Rhythmus der Arbeit nicht zu stören. Ein Film, auf dessen Tempo man sich einlassen muss, damit einem die Kälte nicht in die Knochen kriecht.

Keep Frozen von Hulda Rós Guðnadóttir, Internationales Programm, Healthy Workplaces Film Award, Island, 2016, 67 Minuten

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