DOK Leipzig 2016: Matratzen-König, Liebesschmerz und Schokolade – die Filmtipps Teil 1

Wenn die Tage im Herbst klamm und finster werden, ist in Leipzig endlich wieder DOK-Zeit. Das 59. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm zeigt vom 31. Oktober bis 6. November über 300 Filme in der offiziellen Auswahl und in diversen Sonderprogrammen. Wir haben das Programm vorab gesichtet und stellen unsere Filmtipps für viele gute Projektionen vor.

Kann ein Schokoriegel Sünde sein?

Der niederländische Journalist Teun van de Keuken klagt sich 2002 selbst wegen Mitschuld an Kindersklaverei an, weil er gerne Schokolade isst. Nachdem es ihm gelingt, einen ehemaligen Kindersklaven in Amsterdam aussagen zu lassen, landet der Fall tatsächlich vor Gericht. Jahre später wird ein Urteil gefällt. Auf dem Weg dahin spricht er mit Opfern der Schokoladenindustrie, Juristen und Lobbyisten, die versuchen, die verheerenden Zustände herunterzuspielen. Ein ganzer Industriezweig basiert auf Ausbeutung und menschenverachtenden Produktionsprozessen. Gemeinsam mit den Kollegen Maurice Dekkers und Roland Duong versucht er in der Zwischenzeit selbst etwas zu bewegen und mit ‚Tony’s Chocolonely‘ vollkommen sklavenfreie Schokolade zu produzieren. Die Jungunternehmer stürzen sich enthusiastisch in ihr Projekt und suchen nach zuverlässigen Partnern. Am Ende reisen sie selbst nach Afrika, um den Produktionsweg ihrer Kakaobohnen nachvollziehen zu können und müssen feststellen, dass man keinem Gütesiegel trauen kann, das man nicht selbst überprüft hat.

Alles gestaltet sich schwierig und steht immer wieder kurz vor dem Scheitern. Beharrlich kämpfen die drei Journalisten um Informationen und  Transparenz. Stundenlang hängen sie in Warteschleifen, um endlich einen Ansprechpartner in die Leitung zu bekommen, der die Herkunft der Schokolade garantieren kann – “Fair Trade” steckt 2005 noch ganz in den Anfängen. In ‚The Chocolate Case‘ begleitet Benthe Forrer in einem Zeitraum von über einem Jahrzehnt Recherche, Gerichtsprozess und Firmengründung. ‚Tony’s Chocolonely‘ hat sich als erfolgreiches Produkt, das unter hohen ethischen Maßstäben produziert wird, nicht nur in den Niederlanden am Markt etabliert. Die Situation in der konventionellen Schokoladenproduktion ist schlimmer denn je.

Muss man sich mit den katastrophalen Arbeitsbedingungen der Menschen abfinden, die Schokolade für uns produzieren, oder können wir an den miserablen Verhältnissen etwas ändern? Wir können – auch ganz im Kleinen. Wir müssen nur damit anfangen. Denkt daran, wenn ihr zum nächsten Schokoriegel greift.

The Chocolate Case (Tony) von Benthe Forrer, Internationales Programm, Niederlande, 2016, 90 Minuten

König der Bettauflagen

Der langzeitarbeitslose, verschuldete Paul macht Matratzen-Mick zum YouTube-Star. Eigenbrödler Brian zieht als sprechende Matratze durch die Straßen von Dublin. Der Laden und seine Männer wirken aus der Zeit gefallen und sind doch mit ihrem eigenwilligen Guerilla-Marketing voll im 21. Jahrhundert angekommen. Mick hofft auf volle Kassen, sein Entdecker Paul möchte auch ein Stückchen ab vom Kuchen und Brian quatscht unermüdlich potentielle Kunden an oder plaudert mit sich selbst. Mit zunehmendem Erfolg wird die Beziehung der Männer schwieriger. Mick umgibt sich mit falschen Freunden, Paul ist verzweifelt, Brian macht, was er immer macht. Mick vergisst, wer seine Kunstfigur erschaffen hat. Paul hockt enttäuscht und von seiner Familie verlassen im fensterlosen Matratzenlager.

Was klingt wie eine schlicht verschrobene Komödie, entwickelt sich in ‚Mattress Men‘ von Colm Quinn zum bewegenden Sozialdrama mit Höhen und Tiefen. Männer, denen der wirtschaftliche Niedergang fast alles genommen hat, ringen um ein Stück Würde und einen Platz in der Gesellschaft. Der Hype um Matratzen-Mick nimmt, gepusht von Klicks und Retweets in den Netzwerken, immer wieder bizzare Züge an. Regisseur Colm Quinn widersteht der Versuchung, seine Protagonisten als schrille Clowns vorzuführen und hält ein modernes Märchen mit der Kamera fest.

Mattress Men von Colm Quinn, Internationales Programm, Irland, 2016, 82 Minuten

Der Liebesschmerz

Im September1988 erschlägt der Psychologe und Schriftsteller Jens Michael Schau seinen langjährigen Geliebten, den dänischen Schriftsteller Christian Kampmann, aus Eifersucht. In ‚What he did‘ (Det han gjorde) von Jonas Poher Rasmussen erzählt Kampann 25 Jahre nach der Tat erstmals öffentlich die Geschichte dieser Liebe und ihr grausames Ende.

Es ist der Blick in eine traurige Seele, die um Erlösung bittet. Immer wieder hadert Jens Michael Schau mit den drei Projekten, denen er zeitgleich seine Zustimmung gegeben hat. Eine geplante Lesung aus einem seiner Texte, die szenische Inszenierung der Liebe und ihr grausames Scheitern auf der Theaterbühne ‚Mungo Park‘ und der Film sollen nicht provozieren. Schau fürchtet sich vor der Reaktion und der Rache seiner Mitmenschen, gleichzeitig fordert er mit großen Augen eine verzeihende Geste vom Zuschauer ein. Die Chronologie der Ereignisse erfahren wir ausschließlich aus der Sicht des Täters.

Vom Fenster seiner stilvollen Wohnung aus beobachtet er eine Welt, vor der er sich ängstlich selbst weggeschlossen hat. Er spricht sich das Recht auf Teilhabe ab und dennoch muss der tieftraurige alte Mann sich mitteilen. Der studierte Psychologe nutzt die kathartische Wirkung des Gesprächs mit dem Filmemacher, hofft auf Vergebung und Erlösung. Die Begegnungen scheinen für Regisseur Jonas Poher Rasmussen immer wieder ein Wagnis zu sein. In welchem Zustand wird er seinen Protagonisten antreffen? Sanft aber beharrlich begegnet er Schau, lässt ihm die phlegmatische Ängstlichkeit nicht durchgehen und öffnet  ihn in intensiven Gesprächssequenzen immer wieder neu. Die Kamera kommt Schau nahe, ohne zudringlich zu werden.

Schaus Bericht und die Proben der Darsteller auf der Theaterbühne werden immer enger miteinander verwoben. Die schwierige Beziehung eskaliert, als Privates und Beruf sich immer mehr vermischen. Christians Affären stürzen Jens in tiefe Depression, die sich letztlich in einem Akt der Gewalt entlädt. Ob Schau sein sich selbst auferlegtes Gefängnis verlassen kann, bleibt offen.

What he did (Det han gjorde) von Jonas Poher Rasmussen, Internationales Programm, Dänemark, 2016, 62 Minuten

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