DOK Leipzig 2016: Cops auf dem Kriegspfad, eiskalte Mutterliebe und kleine Geheimnisse – Filmtipps Teil 3

Das wirkliche Leben ist nichts für Weicheier – eine preisgekrönte Dokumentation über Polizisten im Krieg, eine Tochter auf der Suche nach Mutterliebe und ein Kinderleben in zwei Welten. Vom 31. Oktober bis 6. November zeigt das DOK Leipzig 2016 über 300 ausgewählte Produktionen, drei Filme aus dem Internationalen Programm in den Filmtipps Teil 3.

Hände hoch! Hier wird scharf geschossen

Eine Stadt im Krieg – Ferguson, Missouri, im August 2014 nach der Erschießung des  Afroamerikaners Mike Brown. Einwohner protestieren gegen Polizeigewalt. Schwerst bewaffnete Polizei–Einheiten säumen den Straßenrand. Anspannung und Bedrohung liegen in der Luft. Nächtliche Ausgangssperren wurden verhängt. Cops mit Ferngläsern stehen auf Panzerfahrzeugen und beobachten die Demonstrierenden. Die Eskalation ist nur eine Frage der Zeit. Anti-Konfliktteams sucht man vergeblich. Bedrohung und Abschreckung bis es knallt. Als eine der wenigen Stimmen der Vernunft versucht Captain Ron Johnson von der St. Louis Highway Patrol aufgebrachte Bürger zu beruhigen. Schmerzlich, der Blick in sein ratloses Gesicht. Unterdessen rückt eine Wand aus Panzerfahrzeugen und Cops mit Schnellfeuerwaffen gegen die Demonstrierenden vor. Schüsse fallen – Regisseur und Kameramann Craig Atkinson rennt gemeinsam mit Männern, Frauen und Kindern um sein Leben.

Craig Atkinson bringt uns in seiner preisgekrönten Dokumentation „Do Not Resist“ unmittelbar in Stellung. Katapultiert uns an die vorderste Frontlinie in US-Metropolen und idyllischen Kleinstädten. Waffen im Anschlag, Panzerwagen in der Nachhut. Auf der Suche nach ein paar Gramm Gras werden hier wahllos Fensterscheiben eingeschlagen, Menschen drangsaliert und eingeschüchtert. Der Bürger ist der Staatsfeind Nr. 1. Elite-Ausbilder schwören Cops auf den Straßenkampf ein. Hier tritt man nicht seinen Dienst an, hier zieht man als Krieger an die Front. Martialisch ausgestattet zieht die Polizei in den Krieg gegen die Bewohner der Städte. Hier kennen alle nur eins: Härte. Was technisch möglich ist, wird angeschafft und ausgeschöpft. Milliarden von Dollar werden für die Aufrüstung noch so kleiner Gemeinden verschwendet. Jeder Dorf-Sheriff kann sich, staatlich gefördert, seinen eigenen kleinen Panzer vor die Wache stellen oder zwei. Da macht Streife fahren erst richtig Spaß!

Ferguson brennt, die Reise endet, wo sie begonnen hat. Wie ein fernes Grollen liegt der Sound von Grayson Sanders hinter den Bildern. Computerprogramme treffen Vorhersagen, ob eine Person potentiell verdächtig ist, eine Straftat begangen zu haben oder nicht. Am Himmel kreisen kleine Privatmaschinen mit Überwachungstechnologie an Bord. Wer bereit ist dafür zu bezahlen, bekommt die Informationen, die er möchte.

Wenn der scheidende Berliner Innensenator Henkel kurz vor der Wahl des Abgeordnetenhauses im Sommer 2016 die Anschaffung von höchst umstrittenen Elektroschock-Pistolen beschließt oder Häuser ohne rechtliche Grundlage räumen lässt, wissen wir, dass wir nicht allzu laut über die verrückten Amis lachen sollten.

‚Do Not Resist‘ von Craig Atkinson, Internationales Programm, USA, 2016, 72 Minuten

Wenn deine Mutter dich vergisst, wer denkt dann noch an dich?

Oh Mutter, wo bist Du? Filmemacherin Sara Broos nähert sich in ‚Reflections‘ (Speglingar) ihrer Mutter, der schwedischen Malerin Karin Broos. In deren fast fotorealistischen Gemälden erstarrt das Leben. So sehr ihre Bilder im Hier und Jetzt eingefroren zu sein scheinen, so wenig strahlt lebendiges Sein aus ihnen. Alles ist perfekt. Der Mensch, das Haus, der Faltenwurf einer Decke. Mutter und Tochter sind es auch. Der Umgang miteinander ist absolut aseptisch korrekt. Die Oberfläche schimmert rein. Keine Emotion stört. Die Mutter–Tochter–Beziehung wirkt in ihrer Erstarrung wie aus dem Lehrbuch. Da spielen zwei bezaubernd Familie. Zwei, deren Lebensgeschichten, deren Not sich so sehr ähnelt. Wunderschön und friedlich interagiert man in der seit Jahren gepflegten Distanziertheit. Warum daran rütteln?

Karin Broos liebt die innere und äußere Ordnung. Chaos verlangt nach Struktur und kostet Zeit und Kraft. Sara dokumentiert die Lebensgeschichte der Mutter in Bildern und kurzen Videosequenzen. Männergeschichten, Drogenexperimente, Sinn– und Selbstsuche in den 60er und 70er Jahren. Um leben, um überleben zu können, muss die Unordnung verbannt werden. Ein Rückfall in alte Gewohnheiten würde Karin umbringen. Offen spricht die Mutter über Jahre des Kampfes gegen eine schwere Essstörung. Abgeklärt und ohne emotionale Bindung berichtet sie über sich und ihre Dämonen. In düster stilisierten Selbstporträts lassen sich ihre Kämpfe erahnen. Haltung, die erschüttert und den Zuschauer ergreift.

Auf einer Reise, beim Fotografieren, durch die Dreharbeiten soll endlich die ersehnte Nähe entstehen. Soll endlich gefragt und alles ausgesprochen werden, was die Mutter bewegt. Sara Broos möchte über die verschlossene Mutter sich selbst entdecken. Immer wieder hadert sie mit dem Unausgesprochenen. Sprache ist  für sie die einzige Form der Annäherung an das Gegenüber. Welche Mutterliebe nährt und heilt? Was bleibt, wenn sie dem flehenden Kind versagt wird? Ist alles, was Karin geben konnte, für Sara vielleicht nicht genug? Da legen zwei Menschen Zeugnis ab und schonen sich nicht. Kaum auszuhalten ist das. Ein Seelentrip, der immer mehr Fahrt aufnimmt.

Leise kommt dieser Film daher, so ganz ohne vordergründige Waffen, Panzer und Gewalt. Schrecken und Trauer kommen hier auf verschneiten Wegen ganz langsam und unerwartet auf uns zu. Fragil ist das Selbstbewusstsein dieser beiden schönen und erfolgreichen Frauen, die so wenig Liebenswertes an sich selbst entdecken können. Die Tiefe der gegenseitigen Bindung und Liebe enthüllt sich ganz langsam. Schicht für Schicht wird hier das feste Band freigelegt. Das gesprochene Wort dient nur zur Bekräftigung dessen, was immer schon da war und noch stärker immer da sein wird. Ein Film, der nur vorgibt, ätherisch artifiziell zu sein und gerade in seiner Existentialität und Tiefe erschüttert.

‚Reflections‘ (Speglingar) von Sara Broos, Internationales Programm, Schweden, 2016, 76 Minuten

Eine trage der anderen Last

Laura ist 12 Jahre alt, mag Teenie-Bands, fährt gerne Fahrrad, hat eine kleine Baby-Katze, ist eine durchschnittliche Schülerin und versteht sich gut mit ihrer Mutter Aneta und ihrem Vater Adam. Das muss sie auch. Ihre taubstummen Eltern sind auf die Hilfe ihrer zauberhaften Tochter angewiesen. Laura übersetzt im Handyladen, im Baumarkt, beim Arzt, beim Elternsprechtag – die Übersetzung der Moralpredigt der Lehrerin fällt erstaunlich kurz aus – ruft, im Krankheitsfall, den Arbeitgeber des Vaters an. Sie managt alle Lebenslagen, die ihre Eltern nicht alleine meistern können. Die drei sind ein eingespieltes Team. Laura trägt die Verantwortung für sich und ihre Eltern mit Ernst und kindlicher Leichtigkeit.

In ‚Two Worlds‘ (Dwa światy) von Maciej Adamek begleiten wir die Familie durch ihren Alltag in Polen. Erleben erste Abgrenzungsversuche Lauras von den Eltern und ihre Sorge, den beiden könnte etwas passieren. Wir tauchen ein in ein komplexes Familienleben, das trotz des Handicaps auf seine ganz eigene Art hervorragend funktioniert. Laura weiß mehr über das Leben der Erwachsenen als ihre gleichaltrigen Freunde. Oft auch mehr als ihr lieb ist. Manchmal wünscht sich Laura Eltern, die sprechen und hören können, eigentlich ist aber auch so alles ok. Ihre kleinen Geheimnisse sind so leichter zu hüten, ihre Freundinnen haben auch genug Probleme mit ihren Eltern, und die Schule kann auch nicht einfach zuhause anrufen.

Maciej Adamek  begleitet Laura, Aneta und Adam ganz selbstverständlich. Gekünstelte Berührungsängste oder Mitleid braucht er nicht. So ist das Leben –  ‚Two Worlds‘ zeigt Facetten, die viele bisher so nicht gekannt haben dürften.

‚Two Worlds‘ (Dwa światy) von Maciej Adamek, Internationales Programm, Polen, 2016, 51 Minuten

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