Berlinale 2020 – Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn

Udine von Christian Petzold
© Christian Schulz/Schramm Film

Endlich Meerjungfrau, ein Geisterhaus und Roberto Benigni verzaubert (große) Kinder in einer Neuverfilmung des Klassikers „Pinocchio“.

„Du sagst so schöne Sachen und so viele davon und auf so schöne Weise“

Die Undine ist ein im Wasser lebender weiblicher Elementargeist, der erst durch die Vermählung mit einem irdischen Mann eine unsterbliche Seele erlangen kann. Als Elementarwesen gehört die Undine mythologisch zur Gattung der Nymphen. Für den jungfräulichen Wassergeist steht der Wunsch nach Erlösung im Vordergrund, nicht das bedrohlich Verführerische, wie es Nixen und Sirenen zugeschrieben wird – die dem Mann statt der verheißenen rauschhaften Vereinigung, Tod und Verderben bringen. Und doch kann die Undine dem untreuen Gattenden das Leben nehmen.


Eine Undine kann gewöhnlich in Seen oder an Wasserfällen entdeckt werden. Manchmal ist ihr Gesang auch über dem Wasser zu hören. Christian Petzolds “Undine” (Paula Beer) ist promovierte Historikerin. Für die Senatsverwaltung führt sie Besuchergruppen durch eine Ausstellung mit historischen und neuen Modellen der Stadt Berlin. Nach der überraschenden und für einen kurzen Moment schmerzhaften Trennung von Johannes verliebt sich Undine in Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski).

Berlinale-Wettbewerbs-Dauergast Christian Petzold (Barbara, Transit) besinnt sich spät auf seine titelgebende mythologische Frauengestalt und begnügt sich zunächst mit einer unmotivierten Todesdrohung gegen den untreuen Liebhaber und Tauchgängen in einem trüben Stausee. Erzählerisch hat er dem Motiv der auf Erlösung hoffenden Wasserfrau nichts Zeitgemäßes hinzuzufügen und wendet sich vielmehr dem einfacheren Motiv der Rache zu. Die Erlösung, die Petzold seinen Liebenden am Ende noch zugedacht hat, wirkt ebenso konstruiert wie der Versuch, eine deutsche Sage in die Gegenwart zu übersetzen. Dem dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen ist mit „Die kleine Meerjungfrau“ 1837 eine deutlich fantasievollere Übertragung des Stoffes gelungen.

Senhora Isabel beschließt zu sterben

Todos os mortos | All the Dead Ones | All die Toten von Caetano Gotardo, Marco Dutra © Hélène Louvart/Dezenove Som e Imagens

Brasilien im Jahr 1899, kurz nach der Abschaffung der Sklaverei. Die drei Frauen der einstmals reichen Soares-Familie wissen nach dem Tod des letzten Dienstmädchens nicht mehr weiter. Tochter Maria sucht Zuflucht im Kloster, Ana gibt sich dem Klavierspiel und dem Wahnsinn hin. Mutter Isabel leidet an sich und den neuen Verhältnissen und verfällt in 120 Filmminuten inklusive Selbstverstümmelung vor laufender Kamera. Ein Ritual der ehemaligen Sklavin Iná soll die Geister der Vergangenheit noch einmal heraufbeschwören – und vertreiben.

„Todos os mortos“ (All the Dead Ones | All die Toten) von Caetano Gotardo und Marco Dutra müht sich im Berlinale-Wettbewerb redlich um die Darstellung einer (weiblichen) Welt im Wandel. Die Geister, die die Soares-Frauen haben rufen lassen, werden die Filmemacher nun nicht mehr los. Die Protagonistinnen werden selbst zu verlorenen Geistwesen, die mitten unter uns sind,  auch wenn wir nicht die Augen haben sie zu sehen.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Matteo Garrone hat den Kinderbuchklassiker „Pinocchio“ von Carlo Collodi, über den einsamen Tischler Geppetto (anrührend gespielt von Roberto Benigni) und sein kleines Holzgeschöpf, das nach vielen Irrungen und Prüfungen ein Menschenkind werden darf, neu verfilmt. So zeitlos schön wie die Geschichte über die Menschwerdung einer Marionette ohne Fäden sind die Bilder, die Garrone für seinen „Pinocchio“ findet. Märchenhafte Figuren und verschrobene Charaktere bevölkern die Leinwand. Das Kind muss seinen Schöpfer verlassen, um nach einer abenteuerlichen Heldenreise den Vater aus dem Bauch des Seeungetüms retten zu können. 124 Minuten fantastisches Kino für große Kinder werden in der Sektion „Berlinale Special Gala“ gezeigt.

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