Berlinale 2018 – Ich schreibe, also bin ich!

“Dovlatov” von Alexey German Jr., “Transit” von Christian Petzold und “Eva” mit Isabelle Huppert von Benoit Jacquot umkreisen politisch, geschwätzig und provinziell frivol im Internationalen Wettbewerb der Berlinale den Mythos des Schriftstellers.

Dovlatov © SAGa

Der Worte sind genug gewechselt

Leningrad im November 1971. Eine Woche im Leben des russisch-jüdischen Schriftstellers Sergei Dovlatov (Milan Mari?). Seine Gedichte und Prosatexte werden nicht veröffentlicht. Der Zugang zum Schriftstellerverband ist ihm verwehrt. Seinen Auftragswerken für die Fabrikzeitung fehlt es an Helden und Optimismus.

Künstlerfreunde leiden unter den Restriktionen der Breschnew-Regierung. Maloche unter Tage und illegale Geschäfte auf dem Schwarzmarkt finanzieren den Lebensunterhalt. Die Tage vergehen im Gleichklang von Suff, Suizid und endlosem Palaver.

Figuren umkreisen sich wortreich und beziehungslos. Monotone Bilderfolgen in verrauchtem Pastellgelb. Allein der überragenden physischen Präsenz von Hauptdarsteller Milan Mari? ist es zu verdanken, dass man Alexey German Jr.s Dialog lastigem “Dovlatov” mehr als zwei Stunden durch die eisigen Straßen Leningrads folgt. Die Frauen lieben ihn, und er kann nicht nein sagen. Die jazzig unterlegte intellektuelle Langeweile ist sicher ein heißer Bärenkandidat.

Ein Mann erzählt einen Film

In Christian Petzolds Film “Transit”, nach dem gleichnamigen Exil-Roman von Anna Seghers, bleibt vom berühmten Autor Weidel nur das Blut auf den Badezimmerfliesen, ein Manuskript und die Schiffspassage nach Mexiko. Georg nimmt auf der Flucht vor den Nazis die Hinterlassenschaften an sich. In letzter Minute entkommt er nach Marseille. Dort beschließt er, die Identität des verstorbenen Autors anzunehmen.

Transit © Schramm Film / Christian Schulz

Petzold verlegt im ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag der Berlinale 2018 die Geschichte um Verfolgung und Verrat visuell ins Frankreich der Gegenwart. Schwer bewaffnete Anti-Terroreinheiten durchkämmen die Straßen der Hafenstadt nach versteckten Juden und illegalen Migranten.

Auf den Straßen, Hotelfluren und in den Konsulaten der Stadt trifft Georg auf Menschen voller Hoffnung, Angst und Resignation. Statt dem Spiel seiner Schauspieler, allen voran dem bemerkenswerten Franz Rogowski, zu vertrauen, übernimmt jetzt in guter alter Hedwig-Courths-Mahler-Manier ein Erzähler formelhaft die Beschreibung des Geschehens. Sie halten sich an den Händen. Sie küssen sich. Georg wartet. Was für eine Verschwendung des großartigen Matthias Brandt, der den Märchenonkel geben darf.

So dümpelt die Geschichte um eine geheimnisvoll berechnende Frau, liebestolle Männer und den Traum von einem Neuanfang oberflächlich dahin. Wer lebt, wer stirbt, es ist egal. Lieben sich da zwei? Eher nicht. Die Figuren bleiben unscharf und leblos. Die schöne Marie stöckelt im schwarzen Mäntelchen über Kopfsteinpflaster und schüttelt ihr Haar.

Einzig kurz vor Schluss erlebt “Transit” einen Moment der Wahrhaftigkeit, wenn Barbara Auer bei einem letzten Abendessen sagen darf: “Ich möchte mich nicht unterhalten. Ich möchte nur essen, trinken und nicht alleine sein.” Hätte Petzold doch auf seine Darstellerin gehört.

Eva © 2017 MACASSAR PRODUCTIONS – EUROPACORP – ARTE France CINEMA – NJJ ENTERTAINMENT – SCOPE PICTURES / Guy Ferrandis

Niemand will nach oben

Ehrgeiziger Schönling klaut ehemaligem Literatur-Superstar nach dessem unrühmlichen Ableben kurz vor dem erwarteten Koitus in der Badewanne das letzte Manuskript vom Schreibtisch. Das Stück wird der Hit der Pariser Theaterszene. Bertrand (Gaspard Ulliel) zum neuen Kometen am Autorenhimmel.

Dem “Jungautoren” mit bemerkenswert kräftigem Haupthaar liegen Kritiker, Publikum und eine junge Schöne gleichermaßen zu Füßen. Um die Luxuswohnung und die anspruchsvolle Geliebte halten zu können, muss ein neues Stück her. Aber woher nehmen und nicht stehlen?

Durch einen Zufall macht unser verwöhnter Emporkömmling mit dem arroganten Schmollmündchen die Bekanntschaft der Provinzedelnutte “Eva”. Sie soll ihm Inspiration für das nächste Werk liefern. Dass das nicht gut gehen kann, davon kündet fortan ein bedeutungsschwerer Elektro-Soundteppich.

Über 50 Jahre nach Joseph Losey hat Benoit Jacquot “Eva”, nach dem Roman von James Hadley Chase, erneut verfilmt. In der Rolle der Provinz-Edelprostituierten Eva sehen wir im Wettbewerb der 68. Berlinale Frankreichs Superstar Isabelle Huppert.

Routiniert abgefilmt ohne einen Hauch von Verruchtheit endet das Drama wie das Hornberger Schießen. Vielleicht einfach noch mal das Original mit Jeanne Moreau und Stanley Baker schauen.

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