Berlinale 2016 – Seltsam, im Nebel zu wandern

Der vorletzte Wettbewerbstag der 66. Berlinale steht ganz im Zeichen eines einzigen Mammutwerks. Die Internationalen Filmfestspiele in Berlin zeigen das 482 Minuten lange philippinische Historien-Epos „Hele Sa Hiwagang Hapis“ (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) von Lav Diaz am Stück mit einer 60–minütigen Pause nach gut vier Stunden. Am frühen Nachmittag haben sich die Reihen bereits deutlich gelichtet. Böse Zungen behaupten, der Film hätte bereits einen Bären sicher, da die Jury spätestens nach der Hälfte schlafen würde.

Andrés Bonifacio y de Castro gilt als einer der einflussreichsten Kämpfer gegen die spanische Kolonialherrschaft auf den Philippinen im späten 19. Jahrhundert. Bis heute wird er als Vater der philippinischen Revolution gefeiert. Lav Diaz entwickelt um den Mythos lose miteinander verbundene Erzählstränge und unternimmt eine lange beschwerliche Expedition in die Geschichte seines Landes.

Das abgefilmte Geschichttstheater beginnt mit einem Mann und seiner Gitarre. Er spielt eine Weise für sich, für die Geliebte, von der er Abschied nehmen muss, für die Männer im Feld. Ein Mann schleicht durchs Unterholz und verharrt lange hinter einem Grabstein. Geschichtsmeditationsmeister Diaz liebt seine langen Schwarz–Weiß-Einstellungen in vernebeltem Gegenlicht.

“Der Wald des Lebens ist schwer zu begreifen”

Der General bezahlt seine Mätresse für einen Verrat, der viele Menschenleben kostet und eine Stadt zu Fall bringt. Drei Frauen und ein Mann laufen durch den Dschungel. Eine von ihnen hat schwere Schuld auf sich geladen. Der alte Mann hustet viel. Mikroben zerfressen seine Lunge. Die Frauen sehen im Dschungel Feuer beim Brennen zu. Der alte Mann hustet und spuckt aus.

Eine Frau streichelt einen weißen Pudel und wiehert wie ein Pferd. Eine Frau raucht Zigarre, wiehert und schnaubt. Die drei Frauen und der alte Mann mit Husten werden in die Irre geführt.

Eine Frau stochert mit einem Stock im Wasser. Eine Frau sitzt am Wasser. Sie hat die Machete abgelegt. Eine Frau sitzt am Rande eines Feldes und isst. Die Frau kriecht durch den Schlamm. Es geht ihr nicht gut. Die Frau sitzt auf einem Stein und weint. Die Frau erzählt vom Krieg.

Ein Mann isst, erhält eine schlechte Nachricht und erbricht. Drei Männer sitzen in einem Boot.

Mysterienspektakel darf nicht fehlen. Gott soll der Revolution den Sieg bringen. Eine weiß gekleidete Jungfrau erbittet singend göttlichen Segen im Kampf gegen die Kolonialherren.

Eine Frau hockt im Dschungel und ruft den verschwundenen Geliebten. Eine andere starrt in die Baumwipfel. Der Hustenmann kaut Betel. Die Mätresse des Generals gesteht ihre Schuld. Die Frau des Revolutionärs ist erst außer sich, dann aber zur Versöhnung bereit. Die Frauen überwinden den Hass und umarmen sich. Zur gleichen Zeit sitzen die drei Männer immer noch im Boot.

Die kindliche Bildsprache und naiv übertriebene Theatralik der Darsteller ändern sich über Stunden nicht.  Irgendwann hat aber auch die längste Geschichts–Soap ein Ende.

Einige Gedanken zu “Berlinale 2016 – Seltsam, im Nebel zu wandern

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