Berlinale 2016 – Boys, Boys, Boys

Rasch durchgezählt: Zwei der Beiträge im Wettbewerb der 66. Berlinale sind von Regisseurinnen. Da die Arbeiten von Anne Zohra Berrached (“24 Wochen”) und Mia Hansen–Løve (“L’avenir”) bereits gelaufen sind, bleiben die Männer an den verbleibenden Festivaltagen unter sich. Passend dazu beginnt Tag sechs des Internationalen Wettbewerbs mit einem richtigen Jungs-Film.

Durch die Wüste

Der amerikanische Traum ist für Jugendliche in Mexiko nur einen Zaun weit entfernt. Das meterhohe Metallgitter ist für Nero (Johnny Ortiz)und seine Freunde mehr Sportgerät als Grenze. Und dennoch steht es zwischen ihm und seinem großen Traum, amerikanischer Staatsbüger zu werden. Zu groß sind die Verheißungen, die in den Villenvierteln der Schönen und Reichen in LA zur Schau gestellt werden. Die einzige Chance, schnell an eine Green-Card zu kommen, ist, freiwillig Militärdienst zu leisten. Nach „Zemestan“ (“Es ist Winter”) 2006 und “Shekarchi” („Zeit des Zorns„) drückt Rafi Pitts in „Soy Nero“ (“I am Nero”) seinem Protagonisten im Wettbewerb der Berlinale erneut eine große Knarre in die Hand. Statt Zweitgarage und Swimmingpool warten Wüstensand und ein einsamer Checkpoint im Mittleren Osten auf den Greencard-Soldaten Nero, der die Formalitäten mit den gefälschten Papieren seines Bruders Jesus erledigt hat.

Pitts schickt seinen überzeugenden Protagonisten auf einen Tripp durch die Wüste, der ihn für kurze Zeit seinem Traum näher bringt. Ob sein heroischer Dienst an der Waffe für die United States Army belohnt wird? Rafi Pitts ist absolut unverdächtig, ein Optimist zu sein.

Blauer als blau

New York in den 1920er Jahren. Bei Verleger Maxwell Perkins (Colin Firth) stehen Autorengenies wie Hemingway (Dominic West) und F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) unter Vertrag. Da fällt ihm das 1000-seitige chaotische Manuskript des vollkommen unbekannten Thomas Wolfe (Jude Law) in die Hände. Überzeugt, den neuen Star am Autorenhimmel entdeckt zu haben, beginnt der zurückhaltende Vater von fünf Töchtern gemeinsam mit dem Exzentriker Wolfe die Arbeit an dem Text. “Schau heimwärts, Engel” wird ein grandioser Erfolg. Der Autor, berauscht vom eigenen Erfolg, liefert als nächstes 5000 Seiten handschriftlich verfasste Notizen, die von Autor und Verleger in jahrelanger Kleinarbeit bearbeitet und in Form gebracht werden. “Von Zeit und Strom” wird ebenfall ein gefeierter Bestseller.

Getrieben vom eigenen Irrsinn und der Hysterie seiner Geliebten Aline Bernstein (Nicole Kidman) bewegen wir uns mit den Darstellern durch eine detailverliebte Filmkulisse. Die Kamera taucht alles in einen warmen Ockerton. Hutträger Perkins ist häufig so erleichtert wie wir, wenn ihm ein Moment der Ruhe mit seinen Büchern gegönnt wird. Theaterregisseur Michael Grandage hat mit “Genius” die preisgekrönte Biografie “Max Perkins: Editor of Genius” von A. Scott Berg nach einer Drehbuchadaption von John Logan (“Skyfall”) verfilmt. Grandages Kinodebüt ist ein solides Biopic ohne Überraschungen.

No Peace – No Pussy

Regiestar Spike Lee („Malcom X“) präsentiert sein neues Werk „Chi-Raq“ außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale. Das Filmdrama basiert auf der griechischen Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes. Der Dichter beschreibt den Kampf der Frauen gegen die Männer als Verursacher von Krieg, Leiden und Tod. Die Frauen Athens und Spartas verschwören sich gemeinsam, um den Frieden zu erzwingen. Sie besetzen die Akropolis und verweigern sich fortan sexuell gegenüber ihren Männern. Erst wenn Frieden herrscht, wollen sie wieder das Lager mit ihnen teilen.

Lee verlegt den Ort der Handlung in das heutige Chicago. „Chi-Raq“ verzeichnet durch die alltägliche Gewalt auf den Straßen mehr Todesopfer als US-Soldaten in Afghanistan- und im Irakkrieg zusammen gefallen sind.

Rapperliebchen Lysistrata (Teyonah Parris) und einige andere Frauen haben genug von der immer mehr eskalierenden Gewalt. Gemeinsam ziehen sie die Keuschheitsgürtel über die knappen Hotpants und treten in einen Sex-Streik. „No Peace, no Pussy“ lautet ab sofort das Motto. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, besetzen die toughen Ladies eine Militärbasis und bringen alle Waffen in ihre Gewalt. In Reimform führt uns der allwissende Erzähler Dolmedes (Samuel L. Jackson) durch dieses Hip-Hop-Video in Überlänge.

Zur Überraschung der Männer halten die Frauen durch und über die Stadtgrenzen hinaus schließen sich immer mehr weibliche Mitstreiterinnen an. Als die Präsidentengattin ebenfalls in den Sex-Streit tritt, muss dem Ganzen ein rasches Ende bereitet werden. Ein Sexbattle soll über Krieg und Frieden entscheiden – wer zuerst kommt, verliert. 127 Minuten Mösen- und Pimmel-Metaphorik vom Feinsten.

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