Berlinale 2016 – Männer, die Geschichten machen

„Die Zeit fließt wie ein Fluss – Tag und Nacht.“ Halbzeit bei den 66. Internationalen Filmfestspielen in Berlin. Geduld und Ausdauer wurden am fünften Wettbewerbstag auf eine harte Probe gestellt und am Ende belohnt – bis dahin galt es aber, Ströme so breit wie das Meer zu durchschwimmen. Aber beginnen wir am Anfang …

Am 28. Juni 1914 wurden Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger der k. und k. Monarchie, und seine Frau, Erzherzogin Sophie, bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna, ermordet. Das Attentat war Auslöser der sogenannten Julikrise, die zum Ersten Weltkrieg führte.

Vorne hui, hinten pfui

Sarajevo 100 Jahre später. Im Hotel Europa bereitet man sich auf den historischen Jahrestag vor.  Geplant ist ein Appell für Frieden und Völkerverständigung – doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Journalistin Vedrana (Vedrana Seksan) führt auf dem Dach des Hauses Interviews über Gavrilo Princip. Wer war er? Attentäter oder Nationalheld? Hoteldirektor Omer (Izudin Bajrovi?) steht das Wasser bis zum Hals. Die Bank will den Geldhahn zudrehen, die Angestellten planen einen Streik vor den Augen der versammelten Weltpresse. Lohn hat seit zwei Monaten keiner mehr gesehen. Das Zimmer eines Hotelgastes wurde fälschlicherweise mit Überwachungskameras ausgestattet, ein Security–Mitarbeiter hat Drogenprobleme. Der Beikoch möchte nach einer Nacht mit Rezeptionistin Lamija (Snežana Vidovi?) Heim, Heirat und Babys. Ein Kinderchor probt die „Ode an die Freude“. Der EU-Beauftragten ist das Besteck im Bankettsaal zu alt.

Danis Tanovi?s ist nach einem Silbernen Bären (Großer Preis der Jury) 2013 für „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“ / „An Episode in the Life of an Iron Picker“ mit „Smrt u Sarajevu“ (Mort à Sarajevo / Death in Sarajevo) zurück im Wettbewerb der Berlinale. Hier wird Geschichte verhandelt und die Gegenwart inszeniert. Ein Schauspieler deklamiert europäische Werte, während fiese Männer ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen. Solide und temporeich erzählt, pendelt „Smrt u Sarajevu“ geschickt zwischen Geschichtsstunde und Alltagsdrama. Wir sehen immer nur einen kleinen Teil und versuchen doch immer, das große Ganze zu verstehen und zu interpretieren. Die Konsequenzen sind Tod und Gewalt.

Wer will nochmal, wer hat noch nicht

Der französiche Schauspieler und Regisseur Vincent Perez hat für die erneute Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hans Fallada „Alone in Berlin“ (Jeder stirbt für sich allein) eine illustre Starriege des europäischen Kinos um sich geschart. Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Mikael Persbrandt, Monique Chaumette – sie alle sind angetreten, um dem historischen Stoff neues Leben einzuhauchen.

Falladas Roman basiert auf dem historisch belegten Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel, das 1940 bis 1942 in Berlin Postkarten gegen Hitler ausgelegt hatte. Beide starben nach einem Schauprozess durch das Fallbeil. Hans Fallada schrieb den Roman Ende 1946 in nur vier Wochen. Wenige Monate nach der Fertigstellung starb Fallada an den Folgen seines Morphinkonsums.

Wer schon immer einmal sehen wollte, wie ein Finger mit einer Stichsäge sauber abgetrennt wird, der ist in diesem detailverliebt ausgestatteten Nazi–Film genau richtig. Die deutsche Darstellerriege darf sich mit solidem Englisch in Nebenrollen tummeln. Mikael Persbrandt macht das, was er am besten kann, er gibt den richtig schlecht gelaunten Staatsbediensteten mit Hang zu körperlicher Gewalt. Als tumber SS-Obersturmbannführer Prahl brüllt er in wenigen Kurzauftritten den Rest des Ensembles gekonnt an die Wand. Perez hat der Filmliste über die Nazizeit nichts Neues hinzuzufügen. Das Ende der Geschichte ist bekannt und nach 97 Minuten dann endlich auch erreicht.

The main crew of ALONE IN BERLIN: #EmmaThompson, #DanielBrühl, #MikaelPersbrandt, #BrendanGleeson & #VincentPerez

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Flussfahrt mit Fisch

Wie wäre es mit einer Reise? Einer Flussfahrt? Tausende Kilometer den Yangtse hinauf, von der Mündung am Ostchinesischen Meer bis ins Quellgebiet im Tanggula-Gebirge. In „Chang Jiang Tu“ (Crosscurrent) von Yang Chao, dem ersten Wettbewerbsbeitrag aus der Volksrepublik China bei der 66. Berlinale, gehen wir an Bord eines schrottreifen Kahns. Der junge Kapitän Gao Chun (Qin Hao) hat zu Ehren seines verstorbenen Vaters einen schwarzen Fisch gefangen. Tag eins der Reise beginnt. Auf der Suche nach seiner großen Liebe An Lu (Xin Zhi Lei) befahren wir den längsten Fluss Asiens. Folgen der Spur der Frau im Mondlicht, in Pagoden, an steilen Uferböschungen. Sein Wunsch, sie körperlich zu besitzen, kann sie nicht bei ihm halten. Kaum ist er da, ist sie auch schon wieder fort.

Gedichtzeilen über längst vom Fluss verschlungene Orte dienen als Wegmarken. Geisterstädte, die das Wasser sich genommen und wieder ausgespuckt hat, werden ein letztes Mal besungen. Naturmystik und buddhistische Weisheiten vermischen sich. Ein Mann sitzt am Bett der Geliebten, schaltet das Licht aus und wieder an, liegt in seinem eigenen Blut, spendet dem Kloster wärmende Baumwolle. Tag 12 der Reise – 86 weitere sollen folgen.

Der träge Fluss hat zu diesem Zeitpunkt bereits viele Zuschauer aus dem Kinosaal gespült.

Mit dem Erreichen des Drei–Schluchten–Damms wird die Dimension der Bilder dann gewaltig. Während wir zwischen Stahlbeton gefangen sind und riesige Schleusentore sich öffnen, verliert die Geschichte um den jungen Flussschiffer endlich ihre Bedeutung. Erst jetzt beginnt die eigentliche Reise. Der Mensch wird winzig und verschwindet. Yang Chao verlässt sich zu spät auf die gewaltigen Bilder von Kameramann Mark Lee Ping–Bing und das Sound-Design von Fang Tao und Hao Zhiyu. Vieles ist da schon sehr trivial geraten durch die konfuse Geschichte unseres verliebten Kapitäns. Nach 98 Tagen erreicht er die Quelle und kann loslassen.  Die Mühe hat sich gelohnt.

Einige Gedanken zu “Berlinale 2016 – Männer, die Geschichten machen

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