Berge versetzen

Der Tag begann, wie so oft harmlos, mit dem Anblick eines Sonnen verbrannten Mittelscheitels und Beinen, die Opfer mehrerer Mückengenerationen geworden waren. Akustisch untermalt vom Schleudergang der Waschmaschine, lag die Ahnung von etwas großem, mindestens aber die Übellaunigkeit von Kind I in der Luft, während sich Kind II mit einer schweren Lego-Regression in den Ost-Flügel zurückzog.

In den frühen Morgenstunden also unter einem Wäscheberg begraben worden, gefolgt von einem Erweckungserlebnis und einer vagen Erinnerung an den Kirchentag. Das konnte alles nicht völlig umsonst gewesen sein. Wenn Kraft eines unerschütterlichen Glaubens ganze Gebirgszüge versetzt werden können, sollten leicht bewegliche Textilverwerfungen nicht mehr als eine Aufwärmübung sein. Idealerweise hängen sich Damenober- und Unterbekleidung von alleine ab und sortieren sich Socken selbsttätig paarweise zu. Heute Moabit und morgen die ganze Welt. Fernsehshows und Kinder würde nach mir benannt werden…

Um es den Textilien etwas leichter zu machen, gegenüber dem zwei flügeligen Wäscheständer Platz genommen und konzentriert. Intensiv die japanische T-Shirt-Falttechnik visualisiert und dabei immer wieder „Jetzt aber!“ und „Auf geht’s“ gerufen. Nach drei Stunden, die Kreise hatten sich gerade geschlossen, von den Wäscheklammern ging ein leichtes Zittern aus, sprang der Mitbewohner erstmals nervös durchs Zimmer, Kind II rutschte auf Knien mit einer Lego-Kutsche über den Boden und imitierte das Geräusch wiehernder Pferde.  Kind I nahm zum wiederholten Mal ein Bad in Gesichtssonnencreme mit Antioxidantien-Mix gegen sichtbare Zeichen von Hautalterung.

Weitere zwei Stunden später hatte sich ein Strumpf  von seiner Wäscheklammer befreit. Leider ohne sein farbliches Pendant mit in die Tiefe zu nehmen. Der Mitbewohner, mittlerweile mehrfach als Zweifler unangenehm aufgefallen, wollte nicht länger auf ein T-Shirt warten und nahm es einfach ab. Kind II wieherte schon etwas leiser, Kind I würde nie wieder Sonnencreme benutzen müssen.

Der Wäscheständer und ich waren auf einem sehr guten Weg. Sage keiner, wir hätten es nicht versucht.

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