Bei Rot stehen, bei Grün gehen

Der Mensch ist am liebsten seine eigene Sonne, die tagein tagaus glitzernd um ihn selbst kreist und ihm Licht, Liebe und wohlige Wärme spendet. Nur manchmal, da mag er für sich alleine keine Leuchte sein. Ein Wölkchen schiebt sich in seine Umlaufbahn, und er tut das einzig richtige: Er bleibt stehen und das aus Gründen!

Wenn man andere daran teilhaben lassen möchte, dass Gatte, Gattin, Kinder, Hunde, Meerschwein und das Universum es nicht gut mit einem meinen, dann kann man sich besinnungslos betrinken, oder man wird zum Hindernis für unbeteiligte Dritte. Wer stehen bleibt, sollte das nicht für sich alleine im stillen Kämmerlein tun, sondern die Gesellschaft von möglichst vielen Menschen suchen. Menschen, die es eilig haben.

Selten wird der Stehenbleiber im öffentlichen Raum als liebesbedürftig verstanden. Vielmehr erscheint er als Störenfried, den man, um sich und seinen Mitmenschen einen Gefallen zu tun, gerne aus dem Weg treten oder anderweitig Gewalt antun möchte. Das sollte ihn aber nicht davon abhalten, seinem Bedürfnis, sich selbst ein Denkmal zu setzen, nachzugeben.

Der Stehenbleiber wählt gerne Engstellen wie Türen, Bürgersteige, Rolltreppen und alles Nischige mit dichtem Publikumsverkehr für die Sichtbarmachung seines zerrütteten Inneren. Er liebt Weihnachtsmärkte, den Schlussverkauf und Berufspendler auf dem Weg von oder zu einem öffentlichen Verkehrsmittel. „Hab mich lieb“, schreit sein degeneriertes Äußeres, und Schubsen ist auch eine Form von körperlicher Nähe. Bahnsteige sind seine zweite Heimat. Er lauert in Bussen und Bahnen, immer auf der Suche nach aggressiven aber nicht zu körperlicher Gewalt neigenden Opfern. Er steht uns in Grund und Boden. Jäger und Sammler, immer getrieben von dem Wunsch, uns mit nach unten zu reißen. Wenn es ihm schlecht geht, soll es uns noch dreckiger gehn.

Besonders beliebt: der aus der vollen Bewegung aus dem Nichts kommende Stillstand. Wäre er nicht zwei Köpfe größer und 100 Kilo schwerer, Teile seines Körpers, auf die man ungebremst aufläuft, wären nie wieder dieselben. In Gedanken versenkt man einen Schlüssel tief im Inneren seines Augapfels, während man sich für sein eigenes Unvermögen entschuldigt, was er mit einem freundlichen: „Wohl zu blöd zum Laufen“ (wahlweise auch: „Keine Augen im Kopf“) quittiert.

Er entschuldigt sich nie. Seine Handlung entspringt der inneren Logik, die uns, wenn auch nur ein Fünkchen Empathie in uns wäre, unmittelbar einleuchten würde. Aber der klassische Aufläufer merkt nicht einmal, wenn sein Nachbar seit einem halben Jahr tot in der Wohnung liegt.

Jetzt, da wird Euch durchschaut haben, könnt Ihr ab heute damit aufhören und weitergehen.

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