Wohl dem, der keine Freunde hat!

Wenn einen das seltene Bedürfnis nach Geselligkeit und Gemeinschaft überkommt und gerade kein Kirchentag in der Stadt gastiert, dann gibt es heute eine einfache Möglichkeit eine richtig fette Party zu veranstalten. Dieses Internet und seine sogenannten sozialen Medien machen es möglich. Straßenparadesque-Szenen scheinen sich täglich irgendwo in Deutschland abzuspielen, mit nicht absehbaren Folgen für Straßenlaternen und Grünanlagen. Jugendlicher Übermut und Wildwuchs erbricht in schmucke Vorstadtsiedlungen.

Als Redaktionsprinzessin fühlt man sich jedem neuen Trend verpflichtet. Weil wir so jung nicht mehr zusammen kommen, rasch 50.000 Cupcakes mit Glitzerstreuseln in der Schlossküche gebastelt, die Welt eingeladen und schon stehen Jubel, Trubel, Heiterkeit, inklusive Ringelpietz mit Anfassen, nichts mehr im Wege.

Die Kollegen versuchen wie gewohnt die Redaktionsräume durch einen Sprung aus dem zweiten Obergeschoss zu verlassen. Ängstlichere Menschen stehen dabei an den Fenstern, rufen „Hoppala“ und werfen Konfetti hinterher. Aber mit gebrochenen Armen und Beinen und einer geeigneten Medikation feiert es sich doch gerade noch einmal so schön. Die Party-Hüte sitzen und Liebeslyrik des späten 19. Jahrhunderts, aufgetragen mit Goldlack, hat bisher noch jeden Gips geadelt. Beim Füttern ziert sich der eine oder andere in den ersten Stunden noch ein wenig, aber eine gezielte Reduktion der Luftzufuhr hat hier noch immer zu kooperativem Verhalten geführt.

Die Menschen strömen und winken aus Baumwipfeln und von den Dächern angrenzender Häuser zu uns herüber. Über Twitter erreichen uns Nachrichten, dass Freunde aus nah und fern sich auf den Autobahnen stauen und erste Verbrüderungen an Raststätten friedlich aufgelöst wurden. Die Bahn erwägt den Einsatz von Sonderzügen. Wir basteln in der Zwischenzeit ein eigenes Verkehrskonzept. Facebook bittet uns um die Bereitstellung weiterer Serverkapazitäten und versucht die Bundesinnenministerkonferenz zu erreichen.

Um erste Ermüdungserscheinungen zu vertreiben, träufeln wir uns gegenseitig Zitronensaft in die Augen. Die Nasendusche kreist. Noch Jahre später würden wir ein Lied davon singen.

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