Die härtesten Wochen des Jahres oder: Wir packen unsere Koffer

Atomkraftwerke, Finanzsysteme, Bahnhöfe, der Mensch – das Leben ist ein großer Stresstest. Alle Jahre wieder zur Sommerzeit gipfelt das Spektakel in einem etwa dreiwöchigen Höhepunkt: Urlaub. Mit von der Partie sind all diejenigen, mit denen schon an einem normalen Wochenende keine friedliche Koexistenz möglich ist. Während heute zu nachtschlafender Zeit vorzugsweise an Flughäfen herumgelungert und zur Einstimmung aus Eimern getrunken wird, war früher, ohne Autoklimaanlage, tragbare Spielekonsole und Mp3-Player, alles noch sehr viel lustiger.

Die Älteren unter uns erinnern sich …

Das Beladen des Autos war, wie grillen und das Schlitze stemmen für Elektroleitungen, traditionell Sache des Hausherrn. Das Unverständnis des Mannes über die Masse des zu verstauenden Hausstandes wurde, spätestens jetzt, brüllend zum Ausdruck gebracht. Andere schrien schon früher und ohne Pause, je nach Temperament. Gefolgt von einer deutlich artikulierten Androhung bezüglich einer Absage der Reise. Zeitnah ergänzt um den Hinweis, dass man sich den Scheiß in diesem Jahr zum letzten Mal antun würde, zukünftig könne jeder allein seiner Wege gehn. Die Kinder hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon in die zur Höhle umfunktionierte untere Etage des Hochbetts zurückgezogen.

Direkt hinter der Auffahrt und kurz vor einem 40 Kilometer Stau aufgrund einer Vollsperrung der Autobahn, sangen die Kinder die ersten Strophen des „Sind wir noch nicht bald da“-Liedes. In regelmäßigen Abständen wurden Muskeltonus und Vitalzeichen der Beifahrerin kontrolliert, die es sich zwischen Kühltaschen, Getränken und Bettzeug gemütlich gemacht hatte. Eine Karte war nicht erforderlich. Der Vater kannte den Weg. Der Ferienwohnung in den Bergen war man auch nach acht Stunden gemütlichen Beisammenseins nur unwesentlich näher gekommen. Die Kinder sangen und sangen und sangen.

Die erste Panne dann am frühen Nachmittag an einer Steigung. Der Mann hat schon lange keine Stimme mehr. Die Frau wurde von den Kindern ausgepackt. Die Reparatur führte sie an Ort und Stelle durch.  Anschließend wurde der Vater stabil im Innenraum gelagert.

So, was erwartet die erschöpften Reisenden? Das mit Gold aufgewogene Ferienhaus würde angemessen klein, mit stockfleckigen Fliesen sein. Der erfahrene Urlauber ist Selbstversorger: Nudeln, Dosentomaten, Toilettenpapier und WC-Reiniger sind immer in ausreichend großer Stückzahl im Kofferraum vorhanden. Vor einer Erstbenutzung wären Bad und Küche zu reinigen. Und wer erinnert sich nicht an das leise Rascheln der Bettnässerplastikschonbezüge der Matratzen im Kinderzimmer?

200 km vor dem Ziel eine letzte Pause, dazu suppende Salamibrote und warmes Mineralwasser.

Die restliche Fahrt führt über Land, die Mutter singt, die Kinder auch, der Mann wurde an einer Raststätte vergessen.

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