Willst du mit mir gehn …!?

Schon häufiger kamen wir an dieser Stelle gemeinsam zu dem Schluss, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch alleine sei. Wenn aber aus Gründen die Kernfamilie verlassen werden muss und Mutti nicht mehr am Abend die gebügelte Unterwäsche für den kommenden Tag herauslegt, wird das Leben nicht einfacher. Selten genug laufen einem freundliche Artgenossen, mit denen man im Zwiegespräch und insbesondere schweigend Lebenszeit verbringen möchte, zu.

Die Errungenschaften der modernen Kommunikation sorgen hier scheinbar für Erleichterung. Man trifft sich in Foren, Börsen, Nischen und Netzwerken und irgendwann wäscht man sich, zieht sich etwas Nettes an, schiebt sich ein Gänseblümchen zwischen die Zähne, klemmt ein Fachmagazin unter den Arm und dann nix wie raus auf die Straße.

So trifft ein mutiger Doktorand der Astrophysik* in einem zentral gelegenen Café in der Leipziger Innenstadt auf eine schöne Unbekannte. Die Sonne scheint. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bevorzugt an diesem Tag legere Freizeitkleidung. Er nicht. Die letzte Rasur ist der Gesichtshaut nicht gut bekommen. Funktionales Schuhwerk, schütteres Haar, randlose Brille. Sie fragt ihn (und damit begeht sie den entscheidenden strategischen Fehler dieses Nachmittags, und man würde gerne helfen, wenn man wüsste wie) nach seiner beruflichen Tätigkeit. Es folgt ein 40-minütiger Vortrag über Studium, Forschungsschwerpunkt, Doktorvater, diverse Cluster, Reihenuntersuchung, Objektträger und Hochschulsport. Ihr Versuch, das Gespräch aus der Welt der Wissenschaft herauszulösen, misslingt. Mehrfach. Irgendwann lacht sie nur noch und sie klingt dabei traurig, was ihm Ermunterung ist, noch tiefer in dunkle Materie vorzudringen. Dann klingelt ihr Mobiltelefon, und sie muss dringend weg. Er hat sowieso wieder im Labor zu tun. Wie schön wäre es, die nette Unterhaltung beizeiten fortzusetzen.

Ihr Spaghetti-Eis taut einsam in der Nachmittagssonne.

 

*Fachrichtung und Forschungsschwerpunkt wurden aus Gründen geändert, sind aber der Autorin bekannt

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