Was gut ist kommt wieder – Karibik ist auch keine Lösung

Wie üblich hatten wir Mutters Schwibbogensammlung zum ersten Advent vom Dachboden geholt und auf alle Räume inklusive Toiletten, Gästetoiletten und Vaters „Arbeitszimmer“ für seine elektrische Eisenbahn verteilt. Vaters „Kein offenes Feuer in Räumen mit geringem Publikumsverkehr“ würde sich in den kommenden Wochen wie üblich nicht gegen Mutters „Solange ich hier wohne kommen mir keine elektrischen Kerzen ins Haus“ durchsetzen können.

Rechtzeitig vor dem zweiten Advent würde Schwager Horst sein schönstes „Hätte Gott gewollt, dass wir Wasser trinken, hätte er nicht soviel davon versalzen“-T-Shirt anziehen und mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr, gegen eine angemessene Bierspende, eine Löschübung im elterlichen Wohnzimmer abhalten. Mutters Mantra: „Das ist das letzte Mal, dass ich den Zirkus hier mitmache, nächstes Jahr fahre ich in die Karibik“, stünde in ständiger Konkurrenz zu Bing Crosbys „Jingle Bells“. Aufgrund unglücklicher Umstände fiele die CD noch vor dem dritten Advent aus Versehen in den Kachelofen. Ostern fällt manchmal auf die Zeit vor Weihnachten, Stunden später sänge Bing wieder zu uns, als wäre nichts geschehn.

Tante Moni trank ab Schwibbogen eins, zur Vermeidung einer fettinduzierten Feiertagsgallenkolik, prophylaktisch bereits zum Morgenkaffee den ersten Schnaps. Dabei krähte sie fröhlich: „Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils“. Mutter reichte dazu fingerdick mit Butter bestrichenen Striezel.

An Heiligabend würden wir Moni kurz vor der Bescherung sturzbesoffen, mitsamt Opa Wilhelms gutem Sessel, in der Waschküche neben dem offenen Abfluss abstellen. Unterbrochen von kleinen Rülpsern und einem Texthänger trüge sie dort Joseph von Eichendorffs „Weihnachten“ vor. Die Zeile „Oh du gnadenreiche Zeit!“ bliebe aber, wie jedes Jahr, unerreicht. Mutters Schmalzgebackenes läge uns schwer im Magen. Aber bis dahin würden noch gut vier Wochen ins Land gehen.

Kater Helmut erbrach zum ersten Mal in dieser Weihnachtssaison Tannenbaumnadeln aufs Parket. Bis Silvester würde er einen ganzen Tannenbaum von sich gegeben haben.

Alles wäre wie letztes Jahr und das Jahr davor und wie nächstes Jahr und es wäre sehr gut.

… für Constanze.

 

 

Anmerkung: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig. Teile der befreundeten Verwandtschaft werden weder an Weihnachten noch an anderen hohen Feiertagen im Keller weggesperrt.

Und weiter geht’s: Alle Jahre wieder werden wir am Ende eines Jahres von Weihnachten überrascht. Um die Vorfreude auf Kind, Krippe und Geschenke ins schier Unermessliche zu steigern, werden hier Träume wahr. Ihr spendiert fünf Begriffe in den Kommentaren unterhalb dieses Beitrags, und ich bastele daraus rauschgoldengelhafte Blog-Texte zu den Adventswochenenden. Die streng subjektive Auswahl der jeweiligen Begriffs-Serie wird von mir persönlich vorgenommen. Der Rechtsweg ist absolut ausgeschlossen.

7 Gedanken zu “Was gut ist kommt wieder – Karibik ist auch keine Lösung

  1. Constanze

    Liebe Weihnachtsfee J.,
    ich habe mir soeben verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt – vor lauter Lachen und Rührung :-). Alle Begriffe waren drin, das wurde von mir entsprechend geprüft ;-)! Mein Wunsch ist damit wohl erfüllt – in ewiger Dankbarkeit, deine C.

  2. Nicole

    Liebe Jetti-Weihnachtsfee,

    Ich bin entzückt! Abends am Kamin dieses Stück zu lesen, war ein Genuss und erinnert mich daran, dass auch ich mich nun mal wieder langsam an die Adventszeit gewöhnen muss.

    Mein Beitrag:
    Rache, Hochseilakt, Konglomerat, Essig, Lichteffekt

    Deine N.

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