Warte nur, balde …

Wenn die Krähen wieder tiefer über euren müden Häuptern kreisen – der Bodennebel sich am Morgen bis zu euch in die kleine, unbeheizte Dachmansarde hochgearbeitet hat – Atemwolken euch den Weg ins Büro weisen – das vor Jahren erstmals aufgetretene Lungenleiden euch nächtens aus unruhigem Schlaf reißt – eure papierne Haut im Mondlicht schimmert – dann fragt ihr euch, wird man euch dereinst in Oden besingen? Mit welchen Worten werden anämische Dichter eurer gedenken? Oder bleibt ihr am Ende gar unbeweint und unbesungen?

Das muss nicht sein!

Ihr sucht kurzfristig Kontakt? Einfach so jemanden ansprechen liegt euch nicht? Ihr hättet nichts dagegen von fremden Menschen auf offener Straße in den Arm genommen oder wenigstens beschimpft zu werden? Ein Schild um den Hals (oder eine Tätowierung auf der Stirn) mit „Drück mich“, lässt euch zu wenig Platz für Subtext? Kein Problem! Es gibt zahlreiche Möglichkeiten brachialer Ausdrucksformen eurer Liebesbedürftigkeit. Momente für die Ewigkeit, für die sich eure Kindeskinder noch schämen werden. Bilder, die euer Arbeitgeber nie sehen darf. Euer stummer Schrei nach Liebe muss gar nicht teuer sein, im Gegenteil.

Streift euch die rosa Snoopy-Pantoffeln über die Füße und verlasst den zugigen Hausflur. Eure Nachbarn kennen euch bereits von den nächtlichen Streifzügen durchs Treppenhaus, jetzt seid ihr bereit für die Welt und mehr. Packt die alte Plastik-Blockflöte aus und sucht euch ein schattiges Plätzchen in der nächsten Fußgängerzone oder besucht an einem Samstag eurer Wahl die Shopping-Mall am Rande der Stadt. Nasenflöte spielen ist einfacher als ihr denkt. Wer eine dünne Stimme sein eigen nennt, singt dazu. Jonglierende Goldfische, pfeifende Meerschweinchen, tanzende Hamster – bringt alle eure Familienmitglieder mit. Grobmotoriker bewegen sich arhythmisch zu den Klagelauten des Publikums. Kleidung muss nicht vorteilhaft sein. Typgerechtes Make-Up ist was für Anfänger. Setzt die visuellen Rasierklingen an, heute blutet ganz sicher nicht ihr! Dass ihr eigentlich ganz anders seid, wird euch nach diesem Auftritt keiner mehr glauben. Mittleren Einkaufskorb für Spendengelder der Laufkundschaft nicht vergessen! Nicht nur die Welt wird euch am Ende dieses Tages zu Füßen liegen.

Und dann kommt der Herbst. Nicht nur als Jahreszeit. Ihr seht euch auf YouTube noch einmal an, was ihr da gemacht habt. Hättet ihr wahre Freunde, es wäre alles ganz anders gekommen. Ihr werdet einige Monate die Wohnung nicht mehr verlassen. Waschen müsst ihr euch dann auch nicht mehr. Dann kommen wieder bessere Zeiten. Es gibt neue Snoopy-Hausschuhe, und ihr nehmt die nächtlichen Streifzüge durchs Treppenhaus wieder auf. Bald erschreckt ihr dann auch wieder die Nachbarn und bewerbt euch im Frühjahr endlich bei einer Casting-Show.

6 Gedanken zu “Warte nur, balde …

  1. Leisering

    Wie hingehaucht, eine Satire im zart-melancholischen Ton, so als wenn Trakls „Es macht ein Hauch mich von Verfall erschüttern“ zu einer Melodie vom Püppchen aus der Spieluhr ganz leise getanzt wird. Fußgängerzone und Joglieren außerhalb Wort-Akrobatik kämen für mich nicht wirklich infrage, aber der Text gefällt mir. Herbst kann doch eher eine Chance sein für Spaziergänge oder einfach bunten Blätterfall gucken oder ´mal zu Hause Glühwein und Bratäpfel- unvergesslich für die letzten archaischen Freaks und Freunde der Ofenheizung. Goldfische gibt es in pastösen Rudeln schon jetzt im Teich hinter dem Opernhaus zuu bewundern und übrigens, mein Hamster jongliert zwar nicht (die Nummer mit dem Rad ist Asbach und gilt nicht als Akrobatik), aber er kann bohnern, und das muss er auch, wenn der Fresser fossiler Brennstoffe wieder bullert, der – wie Rilke es sagte – raunende Verrußte.

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