Nachbarn sind auch Menschen

Gerade in den dunklen Jahreszeiten von September bis Mai wird viel über die soziale Kälte in unserem Land, in unseren Herzen und in den urbanen Wohnsiedlungen gesprochen. Jahrzehntelang kann man tot in einer Ecke seiner Wohnung liegen und keiner stört sich an dem Geruch. Was tatsächlich daran liegen mag, dass die deutschen Hausflure an sich schlecht riechen. In literarischen Vorlagen vorzugsweise säuerlich oder nach Kohl. Die Autoren irren an dieser Stelle. Es riecht in der Tat nicht gut, allerdings eindeutig nach Zigarettenrauch, Unrat und Körpergerüchen – kurz: nach ungereinigtem Kleintierkäfig. Ach, wenn der Mensch Fenster doch nicht nur zum Hinaus- und Hineinsehen nutzen würde, so viel schönes für das Raumklima und die Belüftung wäre möglich.

Der Kampf um die Vorherrschaft an den Flurfenstern des Zweitwohnsitzes, den ich tagtäglich heroisch mit meiner Nachbarin ausfechte, ist eine Form der sozialen Befriedung, die eines Tages vielleicht Schlimmeres verhindern könnte, wenn man mich denn ließe. Solange es bei uns wie im Kaninchenkäfig riecht, wird keiner beherzt die Wohnungstüre eintreten, um nach dem Rechten zu sehn.

Aus diesem Grund erscheint mir die Anschaffung eines Haustieres (am Erstwohnsitz) auch absolut unmöglich. Wehte grundsätzlich ein Hauch des Todes durch unsere Wohnstuben, wer sollte dann im Ernstfall noch eingreifen? Spätestens, wenn Kind I und Kind II die Volljährigkeit um einige Jahrzehnte überschritten haben, werden sie mit tränenerstickter Stimme bei mir anrufen und sich für mein vorausschauendes Handeln bedanken.

Nach Monaten der nonverbalen Kommunikation über die Fenster im Hausflur – auf (ich), zu (sie) – kam es in der gerade vergehenden Woche zu einem längst überfälligen Zusammentreffen mit der Nachbarin im Eingangsbereich. Wir nutzten die gemeinsame Fahrstuhlfahrt für ein Gespräch über Sinn und Unsinn funktionierender Klingelanlagen. Sicher habe ich niemals einen Menschen getroffen, der mehr über Klingelanlagen im Allgemeinen und die unsere im Speziellen weiß. Auch, um wieviel die Miete gemindert werden kann, wenn dauerhaft keiner mehr rein kommt, hatte ein ihr nahestehender Verwandter für sie recherchiert. Mein Einwand, mir wäre das wurscht (im Sinne von egal), ob das Ding funktioniert, ich würde sowieso keine Überraschungsbesuche erwarten, löste, kurz vor Etage 1, zunächst sprachloses Entsetzen aus. Sollte doch jemand auf die Schnapsidee kommen, einfach mal so vorbei schauen zu wollen, müsste ich mir ab sofort keine Sorgen mehr machen. Ein guter Tag! Ich wollte ihr dankbar die Hand schütteln, hielt mich aber aus Gründen zurück.

Auf einen längeren Monolog über Gastfreundschaft folgte der Hinweis der Nachbarin, dass sie sich immer anziehen müsse, ginge die Klingel nicht. Wie, liebe Bewohner von Wohnungen, mag sie die Gäste empfangen, wenn die Klingel funktioniert? Tatsächlich habe ich diese Frage weder gestellt noch gedacht und für die Inhalte von Fremdköpfen bin ich (noch) nicht zuständig. Möglicherweise meint „anziehen“ nur das Tragen geeigneten Schuhwerks. Wir werden es nie erfahren.

In unserer Etage angekommen, verabschiedete sie mich mit vollem Namen. Selbstverständlich wird dieser (in Teilen) auf einem der ca. 100 Briefkästen und Klingelschilder aufgeführt. Mehr aber auch nicht. Ansonsten gibt es keinen Hinweis auf meine Existenz, schon gar nicht in voller Länge. Ich, eine anonyme Nummer am Ende eines langen Wohnungsflures, belassen wir es dabei.

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