DOK Leipzig 2017: Sie mögen Musik nur, wenn sie laut ist

“Nach der Angst” lautet das Motto des diesjährigen DOK Leipzig und es könnte nicht besser gewählt sein. Das menschenverachtende Weltbild des Rechtsradikalismus ist wieder salonfähig. Zeit, die Menschen zu zeigen, die Woche für Woche gegen besorgte Bürger, Zukurzgekommene, Anhänger der Identitären Bewegung, Salonnazis, Reichsbürger, neue Rechte und all die anderen Fremdenhasser, Frauenfeinde und Geschichtsrevisionisten auf die Straße gehen – auch wenn sie mit gewalttätigen Angriffen rechnen müssen. Der rassistische Mob muss mit Widerstand und lautem Gegenprotest rechnen.

Feine Sahne Fischfilet, die “gefährlichste Punkband Deutschlands” aus Mecklenburg–Vorpommern, wird seit 2011 regelmäßig im Verfassungsschutzbericht des Bundeslandes geführt, unter anderem weil die Gruppe wiederholt zu Protesten gegen rechtsextreme Demonstrationen und Veranstaltungen aufgerufen hat. Charly Hübner begleitet die Band drei Jahre mit der Kamera.

Große Schnauze, großes Herz – im Mittelpunkt von “Wildes Herz” steht Sänger Jan “Monchi” Gorkow. Hyperaktives Riesenbaby, Energiebündel, Hardcore-Ultra von Hansa Rostock – Monchi reizt alle Grenzen aus und verlangt seinen Eltern einiges ab. Für ihn und seine Bandmitglieder gibt es kein Recht auf Nazipropaganda. Die Verachtung gegenüber Rechtsradikalen und einem Staat, der diese Aktivitäten schützt, ist immer wieder Thema in den Liedern von “Feine Sahne Fischfilet”. Dabei wird insbesondere in den Anfangsjahren der Band auch mehr oder weniger offen zu körperbetontem Widerstand aufgerufen. Mecklenburg–Vorpommerns Innenminister  Lorenz Caffier arbeitet sich an der Gruppe ab und präsentiert Jahr für Jahr den Verfassungsschutzbericht des Bundeslandes mit Hinweis auf die Band. Da haben sich zwei gefunden. Gleichzeitig verliest er explodierende Zahlen brutalster rechter Übergriffe. Caffier hat einen nicht unerheblichen Anteil am Aufstieg von “Feine Sahne Fischfilet”. Die Gruppe bedankt sich artig mit einem Geschenkkorb und dem neuesten Album “zum Reinhören”.

Monchi zeigt immer klare Kante. Film und Protagonist stehen unter Hochspannung. Charly Hübner bündelt die Kraft der Figuren und ihrer Musik in energetischen 90 Minuten. Ein Film, der das Publikum mitreißt. Unter dem Motto “Noch nicht komplett im Arsch” touren Monchi und “Feine Sahne Fischfilet“ während des Landtagswahlkampfs 2016 durch Mecklenburg–Vorpommern. Angst vor Auseinandersetzungen kennt Monchi nicht. Er bringt Menschen zusammen, geht aber auch keinem Streit aus dem Weg. Ein Typ, der alles gibt und alles fordert. Das muss man abkönnen. Eine Entschuldigung, ein rassistischer Menschenfeind zu sein, gibt es für “Feine Sahne Fischfilet” nicht.

Wildes Herz von Charly Hübner und Sebastian Schultz, Deutscher Wettbewerb, Deutschland, 2017, 90 Minuten.

Kleiner Mann, was nun?

“Weißt du, was Kapitalismus ist? Angeschissen werden!” Tony Montana ist klein, ungebildet, der Inbegriff des brutalen Proleten und er will ein ganz Großer werden. Tony, dargestellt von Al Pacino in Brian de Palmas Kult–Gangsterepos “Scarface”, ist der Lieblingscharakter von Konrad. Konrad ist klein, quält sich durch die Mathe–Hausaufgaben, nimmt Tanz– und Schauspielunterricht, pflegt seinen schütteren Bartwuchs und trainiert für einen Bodybuilding–Wettkampf. Zum Frühstück gibt es Proteinshakes, mittags trockenen Reis mit Huhn. Der Kopf ist klein, das Kreuz ist breit. Konrad ist immer in Bewegung, immer auf dem Sprung. In einer Lernpause stemmt er kurz noch ein paar Eisen und in der Nacht mäht sein großes Idol im finalen Showdown so viele Gegner wie möglich um.

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Frische Foliensträhnchen, Solarium, Brustenthaarung, Bronzer für den Körper – Konrad ist bereit für seinen großen Tag. In “Call me Tony” begleitet Klaudiusz Chrostowski den kleinen einsamen Sonderling. Die Gesellschaft von Menschen ist seine Sache nicht. Er kämpft mit seinen Dämonen und seinem Ehrgeiz. Seine Vorbilder sind unangepasste coole Exzentriker und Amokläufer in amerikanischen Gangsterfilmen. Er hat Pickel und nimmt zu viele Beruhigungspillen vor der Abschlussprüfung in der Schule. Die Sehnsucht nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Freundschaft erschöpft ihn. Aber Konrad gibt nicht auf. Wünschen wir ihm Glück.

Call Me Tony von Klaudiusz Chrostowski, Internationaler Wettbewerb, Polen, 2017, 63 Minuten.

Werner lässt die Hosen runter

Werner liebt die Felder und Wälder außerhalb der Stadt, den Wannsee und Thailand. Kleidung stört da nur auf dem ausgemergelten sonnengegerbten Körper. Werner durchwandert gerne die Natur und ist mit sich im Reinen. Ganz im Gegensatz zu Florian Fischer, dem das, sagt der Alte, auch mal gut tun würde. Beim Versuch dem nackten Mann zu folgen, stürzt der junge Filmemacher schwer und schlägt sich das Gesicht blutig. Werner ist ungehalten über so viel Unachtsamkeit.

“No Sex Please” ist der eigenwillige Versuch der Dokumentation einer Art Männerfreundschaft als Collage aus Filmsequenzen und Einzelbildern. Staunend und immer wieder zögerlich folgt Fischer seinem Protagonisten. Der tanzt derweil im losen Flatterleibchen auf einer Kaimauer in Thailand. Werner ist, so seine messerscharfe Selbstanalyse, der einzige Nicht-Sextourist in Pattaya. Werner macht Liebe. Er bezahlt für Massagen – aus gesundheitlichen Gründen mit “Dessert”. Der Penis ruht im feinen Sand und Werner erklärt die Welt.

Lustgreis Werner strapaziert Florian Fischer und die Zuschauer. Gar nicht einfach, so viel egozentrische Andersartigkeit auszuhalten.

No Sex Please von Florian Fischer, Internationales Programm, Deutschland / Thailand 2017, 73 Minuten.

Wie hältst du es mit dem Rassismus?

Ein Dokumentarfilmfestival, das seinen gesellschaftlichen Auftrag ernst nimmt, kann vor der aktuellen politischen Lage und dem Rechtsruck bei der Bundestagswahl die Augen nicht verschließen und muss bei der Gestaltung des Programms darauf reagieren. Insbesondere wenn man, wie das DOK Leipzig, in Sachsen beheimatet ist. Montag für Montag zeigt der Freistaat in Dresden bei den Aufmärschen von Pegida seine hässliche rassistische Fratze. Aber es geht auch anders. Bunt, laut, fröhlich ist der kreative Protest der “Banda Comunale”, die mittlerweile zur “Banda Internationale” wurde. Barbara Lubich und Michael Sommermeyer erzählen in “Wann wird es endlich wieder Sommer” – einer der größte Hits der Band, gesungen von Ezé aus Burkina Faso – die Geschichte der rund 20 Mann starken Demo–Brass–Band und ihrer Mitglieder. Dresdner Künstler und Geflüchtete entwickeln eine gemeinsame musikalische Sprache, die ein Zeichen für Mitmenschlichkeit und Willkommenskultur setzt.

Musiker zwischen Proben, Deutschkursen und Terminen auf Ämtern und Behörden. Jeder mit dem eigenen schweren Gepäck seiner Fluchtgeschichte und der Hoffnung auf einen Neuanfang. Die Arbeit in der Banda bleibt nicht frei von Spannungen. Und dennoch erarbeitet sich die Gruppe über alle kulturellen Differenzen hinweg ein immer größeres Repertoire. Höhepunkt ist ein Auftritt beim Heimatsound-Festival in Oberammergau.

Ein wichtiger Film zur richtigen Zeit, der durch einen höheren Frauenanteil (geht gegen null), ein strafferes Buch und mutigere Schnitte noch deutlich gewinnen würde. Mit einer Laufzeit von 98 Minuten haben sich die Filmemacher etwas zu viel vorgenommen.

Wann wird es endlich wieder Sommer von Barbara Lubich und Michael Sommermeyer, Internationales Programm , Deutschland 2017, 98 Minuten.

Auch noch sehenswert

Chris Ward durchbricht in seinem Kurzfilm “Drift” das Schweigen des Vaters, indem sie noch einmal sein größtes Abenteuer Revue passieren lassen.

In “El reino de la sirena” (The Mermaid Kingdom) geraten nicaraguanische Taucher in den Bann der Meerjungfrauen und verlieren die Kontrolle über ihre Körper.

Eine Cosplayerin verschwindet in “The World Is Mine” von Ann Oren hinter der Kunstfigur Hatsune Miku. Ein Trip in die Untiefen einer sich auflösenden Psyche.

Wer immer noch nicht glauben kann, welcher rassistische Mob immer wieder “Montags in Dresden” auf die Straße geht, dem sei die Dokumentation von Sabine Michel dringend ans Herz gelegt.

“Betrug” von David Spaeth über Basti aus Halle, der die Eltern einer Schwabinger Kita abzockt.

3 Gedanken zu “DOK Leipzig 2017: Sie mögen Musik nur, wenn sie laut ist

  1. Neumann

    Naja, zumindest läuft so ein Artikel an keiner Stelle in Gefahr, als Journalismus bewertet zu werden. Vielmehr ist das linksextreme Agitation von der ersten bis zur letzten Silbe, der die LVZ hier eine Bühne bietet.
    Guttmannschentum vom Feinsten sozusagen.

  2. Peter

    Danke für diesen Blick auf das Dok – und „getroffen“ habt ihr ja auch schon, wie die Kommentare von „Meyer“ und „Neumann“ zeigen 🙂

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