DOK Leipzig 2016: Blanches letzte große Liebe

Ein Altenpflegeheim irgendwo in Frankreich. Bewohner dämmern an Tischen, rustikales Pflegepersonal trägt Essen auf. Der Speichel tropft, das Haar hängt in fettigen Strähnen, die Damenbärte sprießen. Blanche spricht nicht, schläft viel, der Blick ist trüb. Lebensfreude scheint diesen Ort schon lange verlassen zu haben. Da erscheint der Tänzer und Choreograf Thierry Thieû Niang. Mit kleinen Bewegungen und Gesten nimmt er Kontakt auf. Da hebt sich eine Augenbraue, ein Finger antwortet, ein Fuß tippt auf den Boden. Leben und eine Erinnerung an Vitalität bewegt die gekrümmten und verkrampften Körper. Tänzer und Heimbewohner versenken sich für den Moment des Tanzes ganz ineinander.

Der schöne Fremde weckt auch das Interesse von Blanche. Erste Begegnungen und Berührungen wecken die zarte Frau aus dem Dornröschenschlaf. Der Schleier hebt sich, Glanz kehrt in die Augen zurück. Staunen ergreift sie und eine letzte große Liebe. Zart und mit einem feinen Gespür für Nähe und Grenzen begegnet Thierry Thieû Niang Blanche. Ihm vertraut sie ihre Stille an. Begegnung geschieht, auch wenn es keine Worte mehr gibt.

Geschichten werden erinnert, gleichgültig ob wahr, geträumt oder aus einer fernen Vergangenheit. Auch wenn der Fokus immer wieder zu Blanche zurückkehrt, werden die anderen Bewohnerinnen und Bewohner des Heims nicht vergessen. Für die Entwicklung des Films „A Young Girl in Her Nineties“ (Une jeune fille de 90 ans) von Valeria Bruni Tedeschi und Yann Coridian ist die konkrete Biographie der Heimbewohner aber nicht wichtig. Es zählt der Moment, die Empfindung des Augenblicks. Sensibel begleiten sie Thierry Thieû Niang und seine tänzerische Begegnung mit den betagten Menschen.

A Young Girl in her Nineties (Une jeune fille de 90 ans) von Valeria Bruni Tedeschi und Yann Coridian, Internationaler Wettbewerb, Frankreich, 2016, 85 Minuten

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