Die Liebenden

Ein Lebkuchen und eine Stolle ruhten zusammen in einer großen Blechdose auf dem Schrank in der gut gefüllten Speisekammer des alten Gutshofes am Ufer des Sees. In der großen Haupthalle stand seit der  Nacht der Tannenbaum, reich geschmückt mit Zuckerzeug, Äpfeln, goldenen Sternen und Kerzen, die die Mägde im Herbst selbst gezogen hatten. Der Boden um ihn herum war dick mit Moos ausgelegt worden. Hier würden in wenigen Stunden die Geschenke für die Herrschaft und alle Bediensteten bereit liegen. In großen Kübeln unter der Treppe lagerten die ausgetopften und gestutzten Geranien zum Überwintern.

Der Lebkuchen war in der Zeit des gemeinsamen Lagerns in Liebe zur Stolle entflammt und fasste sich nun, nachdem einige Wochen ins Land gezogen waren ein Herz und sprach die nach süßer Butter und Sukkade duftende schneeweiße Schönheit an. Meine Liebe, wenn Sie es mir bitte nicht zum Nachteil auslegen wollen, dass ich Sie, nachdem wir nun schon so viel Zeit gemeinsam verbracht haben, endlich einmal anspreche. Ich wünschte, man hätte sich die Mühe gemacht mich in diesem Jahr in Form eines Herzens auszubacken, aber unsereins hat darauf ja immer wenig Einfluss.

Ach, seufzte die Stolle. Ach wenn ich doch nur das Meer sehen könnte. Der Fisch, der zweifellos hier in der Kammer außerhalb unserer Blechdose lagert, er könnte sicher von fernen Stränden, dem Spiel mit den Wellen und kräftigen Mahlzeiten aus Algen berichten. Ach, wenn der Fisch doch bei mir liegen könnte. Sobald ich Tantiemen auf Teile meines wohlgeformten Laibes erhalte, werde ich den Fisch bitten, mich an die See zu begleiten.

Teuerste, wie sehr bedaure ich, dass es mir nie möglich sein wird, Ihnen das zu bieten, was der Fisch vermag. Aber meine Gewürze sind noch weiter gereist, zur See und zu Land. Dann schwiegen die Beiden. Bis die Dose mit einem Ruck aus dem Regal gehoben und hinweg getragen wurde. Die Stolle seufzte erneut und flüsterte: Entschuldigen Sie die Unhöflichkeit. Ich habe mich nun doch an Ihren herben Wohlgeruch gewöhnt und werde Ihn vermissen. Leb wohl!

Und als sie einander entrissen wurden merken sie, was sie aneinander waren. Im Glanz der hellen Lichter des Baumes in der großen Halle gab es ein letztes Wiedersehen. Der Lebkuchen, festlich geschmückt mit rotem Samt, ruhte in einer silbernen Schale mit vielen seiner Brüder und Schwestern. Die Stolle war in Scheiben geschnitten und zum sofortigen verzehr bestimmt. Nur der Fisch blieb in der Speisekammer zurück, um anderem Weihnachtsgebäck den Kopf zu verdrehen.

Moos, Algen, Tantiemen, Geranien und Wiedersehen – für Katia

Und so geht’s: Alle Jahre wieder werden wir am Ende eines Jahres von Weihnachten überrascht. Um die Vorfreude auf Kind, Krippe und Geschenke ins schier Unermessliche zu steigern, werden hier Träume wahr. Ihr spendiert fünf Begriffe in den Kommentaren unterhalb dieses Beitrags, daraus entsteht vielleicht ein rauschgoldengelhafter Blog-Text inkl. Widmung zur Vorweihnachtszeit. Die Auswahl der jeweiligen Begriffs-Serie erfolgt streng subjektiv. Der Rechtsweg ist absolut ausgeschlossen.

4 Gedanken zu “Die Liebenden

  1. Pingback: Geschichten aus dem Hinterstübchen » Da ist ein Leuchten und Funkeln in der Nacht

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