Berlinale 2019 – Sing Hallelujah!

Mit einer mitreißende Musik–Doku über Aretha Franklin und einem Politdrama über Brasiliens Staatsfeind Nr. 1 schließt der Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Im Rennen um die Bären spielen beide keine Rolle – sie laufen außer Konkurrenz. 

Amazing Grace © Amazing Grace Movie, LLC

Praise the Lord

1972, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, beschließt Aretha Franklin zu ihren musikalischen Wurzeln, dem Gospel, zurückzukehren. Gemeinsam mit dem Southern California Community Choir und Reverend James Cleveland nimmt sie an zwei Tagen in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles ihr legendäres Live–Album „Amazing Grace“ auf. Oscar–Preisträger Sydney Pollack begleitet die Vorbereitungen und die Konzerte mit der Kamera. Aufgrund eines technischen Fehlers wird die Musik–Dokumentation nie fertiggestellt. Produzent Alan Elliott holt dieses Versäumnis jetzt endlich nach und bringt das einzigartige Material auf die große Leinwand.

“Amazing Grace” feiert den Gospel und die 2018 verstorbene Soul–Ikone. Ein Film, den man sich nicht im Sitzen sehen sollte. 

Die Revolution frisst ihre Kinder

Marighella © O2 Filmes

Wagner Moura ist auf der Berlinale kein unbekannter. Als Schauspieler brillierte er u.a. in dem 2008 mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Sozialdrama “Tropa de Elite” von José Padilha über die brutalen Einsätze einer Spezialeinheit der Militärpolizei von Rio de Janeiro. Jetzt hat Moura das Fach gewechselt und zeigt als Regisseur im Wettbewerb der 69. Berlinale außer Konkurrenz sein Revolutionsdrama  “Marighella”. Für Brasilien, das sich nach der Wahl des Antidemokraten Jair Bolsonaro politisch erneut am Scheideweg befindet, der Film der Stunde.

Der Film folgt dabei den Spuren des 1911 geborenen Schriftstellers und Politikers Carlos Marighella, der nach dem Staatsstreich 1964 zu Brasiliens Staatsfeind Nr. 1 erklärt wurde. Seiner Stadtguerilla gelingen immer wieder vielbeachtet und blutige Schläge gegen die von den USA mitfinanzierte Militärdiktatur.

Marighella wurde am 4. November 1969 in Brasilien in einem Hinterhalt von Militärs erschossen. 

Moura ist ein stellenweise packendes und brutales Politdrama gelungen, das vor allem vom Spiel seiner beiden charismatischen Hauptdarsteller lebt. Seu Jorge glänzt in der Rolle des wortgewandten Revolutionärs, Bruno Gagliasso brilliert als sein sadistischer Gegenspieler. Mit 155 Minuten ist das Werk aber deutlich zu lang geraten.

Und was kommt jetzt?

Die letzte Berlinale von Festivaldirektor Dieter Kosslick ist fast Geschichte. Das Bärenrennen ist in diesem Jahr so offen wie lange nicht mehr. Wie immer sollte man sich aber auf das Schlimmste gefasst machen. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, gehört der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt zu den großen Gewinnern der Berlinale 2019.


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