Nicht nur sauber, sondern rein – „Fifty Shades of Grey“ auf der Berlinale 2015

Bevor an diesem Tag die feuchten Träume der Berlinale-Besucher wahr werden können, wartet das tiefe Tal des vorzugsweise in schwarz-weiß gehaltenen osteuropäischen Arthouse-Kinos auf uns. Zügelt Euch und folgt mir in die Walachei.

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Rumänien 1835. Gendarm Constantin und sein Sohn reiten auf der Suche nach einem entflohenen „Zigeunersklaven“ durch die Walachei. Road Trip, Geschichtsstunde, Western in schwarz-weiß: In seinem dritten Langfilm „Aferim!“ (Well Done!) nimmt der Regisseur und Drehbuchautor Radu Jude sein Publikum mit auf eine Reise in die Vergangenheit seiner rumänischen Heimat. Geschichten voller Lokalkolorit und die Weisheit der alten Männer – das spätfeudale Europa reitet seinem Untergang entgegen. Der Vater ist dem Sohn ein nie versiegender Quell an Lebensweisheiten und rassistischen Einlassungen. Alle anderen Volksgruppen sind per se schmutzig, hinterlistig, gemein, faul, trinken Blut, haben Jesus getötet, sind nicht gottesfürchtig usw. Vorurteile werden gepflegt und genüsslich ausgebreitet. Bei ihrem Ritt durch Wald und Flur muss Hauptmann Constantin viel Schleim abhusten und ausspucken. Harte Zeiten, raue Sitten – der flüchtige Sklave und Ehebrecher wird seinem Feudalherrn übergeben. Der vollstreckt das Urteil mit einer alten rostigen Schere. Einer Frau wird Sklave Carfin nicht mehr beiwohnen. Constantin, der um Gnade für den Übeltäter bittet, muss erkennen, dass auch er in den Augen des Bojaren nur Dreck an dessen Stiefel ist.

Eine geschwätzige Lektion osteuropäischer Geschichte mit folkloristischen Elementen.

Verweile doch, du bist so schön

Der britische Regisseur Peter Greenaway (8 1/2 Frauen) schickt in seinem Wettbewerbsbeitrag „Eisenstein in Guanajuato“ den sowjetischen Regisseur Sergei Eisenstein im Jahr 1931 nach Mexiko. Dort will er seinen Film „Que viva México“ drehen. Großes Orchester, leuchtende Farben und inmitten des Bilderrausches, ein überdrehter Eisenstein (Elmer Bäck) mit wirrem Haar, der unter der Dusche Streitgespräche mit seinem Schwanz führt. Wir begeben uns auf einen Ritt durch die Filmgeschichte, Splitscreens, Einblendungen, Einspieler, leuchtende Farbe und schwarz-weiß. Greenaway schöpft aus dem Vollen und setzt auf die Opulenz und Kraft der Bilder. Die Kamera umkreist die Darsteller, folgt ihnen, fängt sie ein, entlässt sie wieder. Eisenstein entdeckt das Leben und den Tod in der exotischen Umgebung neu. Gibt sich dem Begehren und der Liebe hin.

Ob die Geschichte für den Zuschauer immer nachvollziehbar bleibt, steht für den Filmkünstler auch in seinem neuesten Werk nicht im Vordergrund. Detailverliebt und üppig werden die einzelnen Szenen vor uns ausgebreitet. Genie und Wahnsinn in einer Filmorgie, Peter Grenaway gehen auch mit 72 die Ideen und die Spielfreude nicht aus.

Bunt wie ein Knallbonbon

Es folgt die knallbunte und vollkommen überdreht Nummernrevue „Yi bu zhi yao“ (Gone With The Bullets). Jiang Wen verlegt den zweiten Teil seiner Bullet-Trilogie ins glitzernde Shanghai der Zwanzigerjahre. Im Paris des Fernen Ostens treffen schöne Frauen und reiche Männer aufeinander. Ein Berufsschwindler wird zum Spitzel, Geld wird gewaschen, ein Schönheitswettbewerb löst eine ungeplante Kettenreaktion aus. Regisseur und Hauptdarsteller Jiang Wen bedient sich bei den großen Vorbildern des Genres und überdreht dabei gewaltig. Der Film darf aufgrund größerer Ereignisse vorzeitig verlassen werden.

Rufst du das Weib, vergiss die Peitsche nicht

Bereits über eine Stunde vor Beginn der Pressevorführung von „Fifty Shades of Grey“ gibt es im Vorraum des Kinos praktisch keine Stehplätze mehr. Um jeden Millimeter auf dem Weg zur Tür des Kinosaals wird gekämpft. Nach dem Einnehmen der Plätze wird davor gewarnt, die Mobiltelefone zu benutzen. Es sei Sicherheitspersonal der Produktionsfirma im Saal … (Raum für Gedanken und Notizen).

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Wer die Geschichte um den geheimnisvollen Milliardär Christian Grey und Literaturstudentin und Baumarktmitarbeiterin Anastasia Steel noch nicht kennt, kann sich bei André Herrmann umfassend ins Werk einarbeiten.

Christian Grey (Jamie Dornan), 27 Jahre jung, Geld wie Dreck, mit dem Körper eines Adonis (mit kleinen, geheimnisvollen Narben) und der Erfahrung eines Lustgreises – der Mann kann alles, der Mann weiß alles. Christian Grey zieht ein T-Shirt nicht einfach aus, es gleitet vom genau richtig definierten Oberkörper (viel Spaß beim üben, Männer!). Mr. Grey bespringt eine Frau nicht einfach, er nimmt sie sich. Mr. Grey macht keine Liebe, er will ficken. Dieser Mann bewegt sich wie eine Raubkatze über das Bett auf das Objekt seiner Begierde zu, das sich lustvoll unter ihm windet. Der Mann ist kein Romantiker, aber er weiß genau, was eine Frau hören will. Und notfalls scheißt er dich einfach mit Geschenken zu. Wer kann dazu schon nein sagen?

Die schöne Anastasia Steel (Dakota Johnson) ein bisschen süß, ein bisschen naiv, ist das Objekt seiner Begierde. Die Sache mit ihrer Jungfräulichkeit ist schnell „bereinigt“. Im Anschluss daran spielt Mr. Grey ein trauriges Lied auf seinem spiegelblank polierten Flügel. Überhaupt, so viel Geld, so viel Macht und doch so einsam. Was ist da los?

Mr. Grey will mehr. Anastasia soll seine Sklavin werden. Der Vertrag liegt unterschriftsreif auf dem Tisch, doch die so umworbene zögert. Müssen Analfisting und Klebeband wirklich sein? Wird das geheime Codewort zum Einsatz kommen? Welche Spuren haben die ersten vier Lebensjahre bei seiner Crack-Huren-Mutter außer auf der Haut bei ihm noch hinterlassen? Wird er die Maske fallen lassen? Fragen über Fragen. Regisseurin Sam Taylor-Johnson gelingt es, die Lächerlichkeit der literarischen Vorlage abzumildern, auch wenn trotzdem sehr viel Frohsinn im Kino herrscht. Ihre Anastasia gibt sich, bei aller waidwunden Rehäugigkeit, durchaus selbstbewusst.

Mr. Grey will doch nur spielen – nach seinen Regeln.  Der Sex mit ihm ist eine Weihehandlung. Unterlegt mit Chorälen im blutrot ausgeschlagenen Spielzimmer. Da spritzt nichts, da platzt nichts und da tut auch fast nichts weh.

Ein lustiger Film für die ganze Familie mit einem ausgezeichneten Cliffhanger.

Noch mehr Berlinale gibts im Special und auf Instagram.

Einige Gedanken zu “Nicht nur sauber, sondern rein – „Fifty Shades of Grey“ auf der Berlinale 2015

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