Nach der Geburt getrennt oder: Ich bin es nicht, es ist die andere

Mit wirrem Haar im Schlafanzug beim Bäcker, beim Kauf eines Medikaments zur Behandlung einer Infektion im Intimbereich, einen Tag nach dem Entfernen aller vier Weisheitszähne – in manchen Situationen möchte man unerkannt bleiben und weder von Freund noch Feind angesprochen werden. Menschen mit Feingefühl erkennen das und wechseln rechtzeitig Straßenseite, Geschäft, Großraumwagen, Wohnung oder ähnliches. Aber wer kennt schon Menschen mit Feingefühl?

Neulich in einer Buchhandlung in dieser Stadt. Aus Gründen der „Recherche“ ein Buch erworben. Titel und Inhalt sind der Autorin bekannt, tun hier aber nix zur Sache (und es handelt sich dabei nicht um „Erst der Anfang: Mein Leben“ von Justin Bieber, ein Werk, das im April des vergangenen Jahres von mir nahezu schamlos für Kind I erworben wurde, woran Kind I heute aber nicht mehr erinnert werden möchte).

Auf dem Weg zur Kasse aufgrund eines kurzfristigen Angstanfalles in der Abteilung Lebenshilfe & Ehehygiene auf die Knie gezwungen, geatmet und „Oh Gott, oh Gott“ oder auch „oh je, oh je“ gedacht. Was, wenn mich jemand sehen und es nicht bei einem durch den Raum gebrüllten Gruß belassen würde. Flucht nach unten über die nach oben fahrende Rolltreppe? Zur Beruhigung mehrere Regalmeter Bücherstapel neu aufgeschichtet. Mantraartig wiederholt: „Du hast hier noch nie jemanden getroffen, warum sollte es gerade heute anders sein, du bist fast ein Sonntagskind, das muss doch auch mal für irgendwas gut sein …“.

Geschmeidig die Treppe hinuntergeschlichen und mit prüfendem Blick das Personal an der Kasse gescannt. Hätte der vollkommen wahnsinnige Buchhändler dienst, müsste das Buch zurück auf einen beliebigen Stapel und der Laden zügig aber ohne erkennbare Panik verlassen werden.

Die Luft war rein. Tüte überflüssig, das Werk verschwand sofort in den Tiefen der Tasche. Man muss auch mal Glück haben.

Einige Gedanken zu “Nach der Geburt getrennt oder: Ich bin es nicht, es ist die andere

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