Manchmal kommen sie wieder …

Werfen wir, liebe Familienaufsteller und Freunde schwarzer Pädagogik, einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ursprünglich komme ich aus einem nicht ganz kleinen Weiler am schönen Neckar. Nun sind fast alle Orte am Neckar von Weinbergen gesäumt, von Dichtern romantisch besungen, im Herzen Heimstatt malerischer Altstädte und sommers wie winters Herberge für Busladungen von Touristen. Genau aus einem dieser Orte komme ich nicht.

Meine Heimat, die der befreundeten Verwandtschaft und das damit verbundene Haus befand sich (und befindet sich noch heute) in unmittelbarer Nachbarschaft eines Friedhofs. Die Gräber und uns trennte nur eine schmale Straße und eine Efeu bewachsene Sandsteinmauer, die zum Klettern und Spielen einlud. Den Wechsel der Jahreszeiten erlebten wir im Wandel des Grabschmucks. Der Herbst kam und mit ihm die brennenden Grablichter für die verstorbenen Seelen.

Da unsere toten Freunde von gegenüber wenig Interesse an den Segnungen der modernen Zivilisation zeigten, wurde auch uns das eine oder andere vorenthalten. Kabelfernsehen beispielsweise. Das Privatfernsehen kam und wir blieben eine Tutti Frutti freie Zone. Die Kabel wurden bis kurz vor und kurz nach dem Friedhof verlegt. Auf der anderen Seite standen die Werkstatt eines Steinmetz’ und besagtes Haus. Der Steinmetz war nie da. Einen Fernseher besaß er nicht. Eine Satelittenschüssel war den Kindern des Hauses aus ästhetischen Gründen nicht zuzumuten und konnte erst angeschafft werden, als die Nachkommen das elterliche Heim verlassen hatten.

Der Friedhof hatte aber auch Vorteile. Waren Ortsunkundige nach Hause eingeladen, konnte man immer auf die sehr gute Beschilderung zum Friedhof verweisen.

Das Haus der befreundeten Verwandtschaft war schon immer alt und aus sehr viel Holz. Dies sorgte zum einen beim einzigen männlichen Familienmitglied in Zeiten vermehrten Einsatzes von offenem Feuer, in der Regel in Form brennender Kerzen, zu progressiver nervlicher Zerrüttung. Merke: Eine gute Kerze ist nur eine, die nicht brennt. Zum anderen war es schon immer ein Haus der Stimmen und Geräusche. Von innen und von außen. Irgendwo schlug nächtens immer ein Zweig gegen Mauerwerk, schlichen Tiere ums Haus, erwachten Dielen und Balken zum Leben. Unheimlich und finster waren auch Gewölbekeller, Kohlenkeller, die Waschküche, das gesamte Erdgeschoss sowie ein nicht ausgebauter Dachboden.

Theoretisch war nur eine Etage des Hauses annähernd geeignet, für einen ruhigen und friedlichen Kinderschlaf zu sorgen. Von hier aus führte aber die Tür zum Dachboden. Pfiff der Wind im Herbst und Winter ums Haus, sprang oft und gerne eben diese Türe auf und schlug mit lautem Knall gegen die Wand. Nur die Mutigsten waren dann in der Lage aufzustehen und diese wieder zu schließen. Das Aufstehen wurde zusätzlich durch eine kleine Familiengeschichte erschwert, die den Kindern mit Blick auf den Friedhof und die flackernden Grablichter zugeflüstert worden war.

Kein Zufall sei es, so wurde uns berichtet, dass das Knarren der Dielen wie der schlurfende Schritt eines Mühseligen und Beladenen klang. Würden sich doch die lieben Verstorbenen des Nachts aus dem  Familiengrab erheben und den kurzen Weg auf sich nehmen, um zuhause nach dem Rechten zu sehen. Das leuchtete ein, sie hatten es ja auch nicht weit. Dies sei kein Grund zur Sorge, da aggressives Verhalten Verstorbener gegenüber den eigenen Verwandten ein Ammenmärchen sei, das nur dazu diene, die Taschen geldgieriger Horrorfilmproduzenten zu füllen. Tatsächlich dauerte es Jahre, bis der beruhigende Inhalt der Botschaft auch von meinem schlichten Gemüt verstanden wurde.

Seltsamerweise ist mir kein Familienmitglied bekannt, das in seiner Freizeit nur so zum Spaß auf Friedhöfen herumlungern würde. Müssen wir auch nicht. Wir wissen, dass sie uns finden. Egal wo wir sind … darauf ein Lied!

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