Fleisch, Dreck und Gesang

Sommer 1988, Ruhpolding. Viele junge Menschen trafen sich auf einer großen Wiese, die danach auf Jahre nicht mehr so aussehen wird wie zuvor, und nannten es Pfadfinder-Bundeslager „Nur eine Welt“. Diese Veranstaltung sollte die letzte in einer Reihe von schlammfarbenen Naturnaherlebnissen sein, an deren Ende einem aus Weidenruten geflochtenen Papierkorb eine ebenso wichtige, wie tragische Rolle zukam. Das Bedürfnis, Lebenszeit in Zelten zu verbringen, ist seit jenen Tagen nicht mehr vorhanden.

Die Anreise erfolgte, wie so oft, im Zug. Wahrscheinlich war es heiß und wir schleppten Unmengen von Gepäck mit uns herum, trugen wunderliche graue Hemden, Schweizer Taschenmesser mit Monogramm und blaue Halstücher.

Es wurde immer viel gesungen …

Bei schlechtem Wetter mussten alle relevanten Kleidungsstücke auch nachts am Körper getragen, oder körpernah im Schlafsack verstaut werden. Wer bei Regen die Wand der Kothe berührte, sorgte bei allen für feucht-fröhliche Träume. Für die Körperhygiene stand kaltes Wasser zur Verfügung. Der Mensch muss sich gar nicht so viel waschen. Hin und wieder rollerten Biathleten aus dem nahegelegenen Trainingszentrum an uns vorbei.

Es wurde gewandert, gebatikt und wieder gesungen …

Gekocht wurde über dem offenen Feuer. Ich erinnere selbstgemachte Pizza in Topfdeckeln und Schnitzel. Das Fleisch dazu wurde im lagereigenen Supermarkt gekauft. Es war sehr heiß in diesem Sommer. Wir verspeisten das panierte Schwein und machten uns auf den Heimweg …

In der Nacht erwachten andere und ich mit sehr großem körperlichem Unwohlsein. Mein Zimmer lag seinerzeit in der ersten Etage des elterlichen Wohnhauses. Die Treppe zur Toilette war steil und die Holzstufen rutschig. Das Öffnen der Tür zum Treppenhaus erfolgte, aufgrund der Dringlichkeit des Bedürfnisses, rasch. Mittig vor der Tür, vom sanften Mondlicht beschienen, stand ein Eimer. Gerührt von so viel elterlicher Umsicht und Fürsorge („Eine Mutter spürt, wenn es ihrem Kind nicht gut geht…“), wurde der Eimer umgehend genutzt. Leider drang die Erkenntnis, dass es sich dabei um eben jenen Papierkorb aus Weidenruten handelte, verspätet zu mir durch. Das Flechtwerk war nicht lückenlos.

Die Aufgabe bestand im Folgenden darin, den Korb, ohne die Treppe hinunter zu stürzen, zur Toilette zu transportieren. Unversiegelte Holzböden mögen keine Feuchtigkeit. Abtransport und Entleerung mussten schnell durchgeführt werden. Die anschließende Reinigung der Treppe und des Korbes musste mehrfach unterbrochen werden.

Und die Moral von der Geschicht’? Weidenkörbe sind nicht für den Abtransport von organischen Abfällen mit hohem Feuchtgehalt geeignet. Esst mehr Dosen-Ravioli. Gute Nacht!

Einige Gedanken zu “Fleisch, Dreck und Gesang

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